Die ältesten Familienunternehmen in Westfalen

28.02.2022 Christian Hübschen

Inhalt

Familiengeführte Unternehmen bilden das Rückgrat unserer Wirtschaft und Gesellschaft. Mehr als 90% der deutschen Unternehmen sind familiengeführt, und kaum ein anderes Land verfügt über eine derart solide unternehmerische Basis.

Die Stiftung Familienunternehmen hat Ende 2021 eine Liste der 50 ältesten Familienunternehmen in Deutschland veröffentlicht. 15 dieser Unternehmen haben ihren Sitz in Nord­rhein-Westfalen, das älteste Unternehmen mit einer über 500-jährigen Tradition und sechs weitere stammen aus Westfalen.

The Coatinc Company, Siegen

Bereits im Jahr 1502 gegründet und seit 17 Generationen in Familienbesitz, ist die heutige "The Coatinc Company" (TCC) das älteste Familienunternehmen Deutschlands.

Der Ursprung der TCC ist eine 1502 vom Stahlschmiede-Meister Heylmann Dresseler gegründete Schmiede. Neben Anteilen am sog. Sieghütter Hammer besaß die Familie das fürstliche Monopol für die Produktion von Kleineisen- und Stahlfabrikaten und revolutionierte später mit modernen Webstühlen die damals im Siegerland stark ausgeprägte Textilwirtschaft. Mit der Erschließung des Siegerlandes durch die Eisenbahn in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s inves­tierte auch die Familie Dresler stark und begann die Diversifizierung; sie war maßgeblich an der Gründung von überregional bedeutenden Unternehmen beteiligt, so der heutigen Edelstahlwerke sowie der "Siegener Actiengesellschaft" (SAG) in Geisweid (heute zu Siegen), die bis heute die Basis von The Coatinc Company bildet. Die SAG geriet 1978 in wirtschaftliche Schwierigkeiten, mit dem Einstieg der Firma "B. E. Wedge", die bis heute 49% der Anteile hält, gelang 1991 jedoch die Wende. Ein Jahr später wurde die "Siegener Verzinkerei Holding" gegründet, aus der die TCC-Gruppe hervorging.

Der Schwerpunkt der Unternehmensgruppe liegt heute im Bereich der Oberflächenveredlung von Me­tall­ – und hier auf der Feuerverzinkung. Zu TCC gehören (Stand 2021) 32 Standorte mit mehr als 2.200 Mitarbeitenden sowie Beteiligungen in der Türkei, Mexiko und den USA. Bei einer Verzinkungstonnage von 450.000 t pro Jahr erzielte TCC zuletzt einen Umsatz von 300 Mio. Euro.

Kornbrennerei Schwarze und Schlichte, Oelde

Die Wurzeln der Kornbrennerei Friedrich Schwarze liegen in Westkirchen (Ennigerloh, Kr. Warendorf), wo sie 1664 urkundlich erwähnt wurde. Der Umzug nach Oelde erfolgte 1738. Um gegen die kostengünstigeren Kartoffelbrennereien bestehen zu können, nahm das Unternehmen 1836 die lukrative Hefefabrikation auf. Nach der Eröffnung der Köln-Mindener Eisenbahn im Jahr 1847 (s. Beitrag Tschorn) und mit neuen Brennapparaten gelang in den 1870er Jahren die Ausweitung des Absatzes bis in das Ruhrgebiet. Machten in den 1980er Jahren die Kornerzeugnisse noch 90% des Umsatzes aus, begann 1990 durch die Fusion mit der H. W. Schlichte Brennerei in Steinhagen und 2003 mit dem Erwerb der Produktion der Firma Racke in Rinteln eine Diversifizierung der Produktion, verbunden mit ersten Exporterfolgen ins Ausland.

Die Angebotspalette wird stetig durch neue Produkte sowie die Übernahme von Marken oder des Geschäfts anderer Hersteller ausgebaut. Seit 12 Generationen im Familienbesitz macht die Kornbrennerei Schwarze & Schlichte mit rund 100 Mitarbeitenden einen Jahresumsatz von etwa 80 Mio. Euro (Stand 2021).

Delius, Bielefeld

Das 1722 in Bielefeld von Johann Caspar Delius als Leinenhandlung gegründete und heute noch dort ansässige Textilunternehmen produziert hochwertige Stoffe zur Verdunkelung und für Gardinen sowie Dekorations- und Möbelstoffe u.a. für Hotels und Kreuzfahrtschiffe. Hinzu kommen mit der Tochter-Firma Delcotex technische Textilien für die Bau-, Auto- und Transportindustrie sowie für schusssichere Westen.

Der Aufschwung begann im Jahr 1794 mit dem Leinenexport nach Amerika und Westindien. Der englischen Konkurrenz begegnete Delius 1844 mit dem Bau einer Maschinenspinnerei. Wenig später wurde die Seidenproduktion aufgenommen, auf die sich Delius schließlich konzentrierte, 1917 gelang damit der internationale Durchbruch. Es folgten 1928 die Produktion von Kunstseide, 1930 die Möbel- und Dekostoffproduktion und 1937 die erste Automatenweberei Europas. In den 1960er Jahren gehörten die Webereien zu den modernsten in Europa, der Export erfolgte in 89 Länder.

Heute ist Delius durch die Verknüpfung der deutschen und internationalen Produktion sowie der Stärkung u.a. der Entwicklung gut aufgestellt. Zwar hat sich im Jahr 2020 nach über 300 Jahren die Eigentümerfamilie aus der operativen Führung zurückgezogen, Delius bleibt aber im Familienbesitz. Das Unternehmen beschäftigt an zwei Standorten in Bielefeld und einem in Spenge (Kr. Herford) insgesamt 245 Mitarbeitende, der Umsatz lag 2020 bei ca. 60 Mio. Euro.

Möller-Group, Bielefeld

Die Firmenadresse "Kupferhammer" in Bielefeld, heute Firmensitz der Möller-Group, die in der Kunststofffertigung inzwischen als Global Player weltweit tätig ist, verweist auf die Ursprünge des Unternehmens. Gegründet wurde das Unternehmen zur Verarbeitung von Kupfer im Jahr 1730 durch Theodor Möller im sauerländischen Warstein, der Umzug nach Bielefeld erfolgte 1762. Im Jahr 1827 folgte eine Gerberei, die bis in das 20. Jh. produzierte. Seit 1937 wird das damals neue, revolutionäre Material "Kunststoff" verarbeitet, produziert wurden damit u.a. Keilriemen für Autos.

Heute konzentrieren sich Entwicklung und Produktion auf Module für die Automobilindustrie und Konstruktionsteile für verschiedene Anwendungen in der Industrie. Neben dem Firmensitz und weiteren Standorten in Bielefeld ist die Möller-Group in Delbrück (Kr. Paderborn), Bruchsal (Baden-Württemberg), Ohrdruf (Thüringen) sowie in Großbritannien, Rumänien, den USA und China vertreten. Weltweit beschäftigt das Unternehmen ca. 2.100 Mitarbeitende. Im Jahr 2021 wurden etwa 282 Mio. Euro umgesetzt.

J. D. Neuhaus, Witten

Die erste Erwähnung des Unternehmens geht auf Johann Diederich Neuhaus zurück, der für seine ersten Holzschaftwinden im Jahr 1745 als "Fabrickant" in die "Meister Rolle der Sprockhövelschen Fabricke" (= eine Art Genossenschaft) eingetragen wurde. Es folgten Winden für Schleusen an der Ruhr, zum Heben von Eisenbahnwaggons und zum Verladen von Waren; zudem gewann der Einsatz der Winden im Bergbau an Bedeutung. Durch stetige Verbesserungen konnten Winden von Neuhaus um das Jahr 1880 Lasten bis zu 7,5 t bewegen. Die entscheidende Innovation gelang 1952 durch den Bau eines Hebezeuges mit druckluftbetriebenem Lamellenmotor, mit dem im Bergbau, inzwischen Hauptabnehmer, wesentlich wirtschaftlicher und sicherer gearbeitet werden konnte.

J. D. Neuhaus ist heute als "Hidden Champion" Weltmarktführer für pneumatische und hydraulische Hebezeuge, Krananlagen und Systemlösungen. Mit 155 Mitarbeitenden am Stammsitz in Witten und weiteren 70 bei Tochtergesellschaften in den USA, Großbritannien, Frankreich, Singapur und China exportiert das Unternehmen in 90 Länder weltweit, wobei der Exportanteil von unter 5% im Jahr 1980 auf mittlerweile etwa 80% angestiegen ist. Der Umsatz liegt bei etwa 35 Mio. Euro (Stand 2018). Eine Besonderheit ist das unternehmenseigene Hebezeug-Museum in Witten.

Warsteiner Gruppe, Warstein

Die Geschichte der Warsteiner-Gruppe beginnt im Jahr 1753, als auf das von Antonius Cramer gebraute und verkaufte Bier eine Steuer erhoben wurde. Dank der zentralen Lage im Ortskern von Warstein florierte der Bierausschank, 1802 wurde die heute noch existierende Domschänke zu einem Gast- und Beherbergungsbetrieb mit Hausbrauerei ausgebaut.

Mit dem Anschluss Warsteins an das Eisenbahnnetz im Jahr 1883 begann auch die Expansion der Brauerei, die sich bis 1920 zu einem modernen Unternehmen entwickelte, das neben der Pils- und Bockbierherstellung auch Limonaden und Tafelwasser abfüllte. Die Erschließung der Kaiserquelle ermöglichte ab 1928 die Konzentration auf die Herstellung von Pils; 1960 zählte Warsteiner mit einer Kapazität von über 100.000 Hektoliter (hl) pro Jahr zu den deutschen Großbrauereien. Der Umzug an den südlichen Stadtrand erfolgte 1976, als die Waldparkbrauerei als eine der modernsten und größten Brauereien Europas eröffnet wurde. Mit über 2 Mio. hl war Warsteiner 1984 Deutschlands größte Biermarke, 1994 wurden mehr als 6 Mio. hl erreicht. Jedoch sank der Ausstoß bis 2009 auf 2,85 Mio. hl, erst in den Folgejahren kehrte Warsteiner auf einen Wachstumskurs zurück.

Heute gehören zur Warsteiner-Gruppe auch die Herforder Brauerei, die Privatbrauerei Frankenheim, die Paderborner Brauerei und eine Beteiligung an der König Ludwig Schlossbrauerei Kaltenberg (bei München). Die Marke Warsteiner wird in mehr als 60 Länder der Welt exportiert, rund 2.200 Mitarbeitende erwirtschafteten 2018 einen Umsatz von etwa 400 Mio. Euro. Seit 2006 gehört das Besucherzentrum "Warsteiner Welt" zur Brauerei.

Pott's Brauerei, Oelde

Im Jahr 1769 pachtete Franz Arnold Veltmann die Landwirtschaft mit daran angelehnter Brauerei vom Jesuitenkloster Oelde (Kr. Warendorf) und erwarb sie wenig später. In der zweiten Hälfte des 19. Jh.s braute Pott's als eine der ersten Brauereien der Region ein untergäriges Bier. Anfang des 20. Jh.s entwickelte sich die Kleinstbrauerei zu einem Brauereibetrieb mit Flaschenbierabfüllung. In den 1950er Jahren wurde die Brauerei modernisiert und die Produktion von Limonade aufgenommen. Der Bau des neuen Sudhauses 1988 ermöglichte die rasante Entwicklung von 36.000 hl (1993) auf 90.000 hl (2004), die 1996 die Verlagerung von Teilen der Produktion an den Stadtrand erforderte, ohne dass der historische Altstadtstandort aufgegeben wurde.

Pott's beschäftigt rund 65 Mitarbeitende, zum Umsatz liegen keine Angaben vor. Zu Pott's gehören u.a. auch ein Gasthof und ein Biermuseum.

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Weiterführende Literatur/Quellen

  • https://de.wikipedia.org/wiki/Warsteiner_Brauerei_Haus_Cramer
  • https://delius.de
  • https://die-deutsche-wirtschaft.de/famu_top/schwarze-schlichte-markenvertrieb-gmbh-co-kg-oelde-umsatz-mitarbeiterzahl
  • https://www.coatinc.com/de/blog/2019/06/06/500-jahre-the-coatinc-company-aeltestes-familienunternehmen-deutschlands
  • https://www.familienunternehmen.de/de/pressebereich/meldungen/2021/2021-12-13/deutschlands-50-aelteste-familienunternehmen
  • https://www.familienunternehmen.de/media/public/pdf/pressebereich/meldungen/2021/deutschlands-50-aelteste-familienunternehmen_2021-12-13/die-aeltesten-familienunternehmen-deutschlands.pdf
  • https://www.henokiens.com
  • https://www.jdngroup.com
  • https://www.moellergroup.com/de/moellergroup
  • https://www.nzz.ch/wirtschaft/deutschlands-aelteste-familienfirma-warum-die-siegener-stahldynastie-nach-knapp-500-jahren-fast-am-ende-war-und-heute-doch-wieder-floriert-ld.1544454
  • https://www.potts.de
  • https://www.schwarze-schlichte.de
  • https://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/geschichte-unternehmen-merck-bauer-gruppe-stiftung-familienunternehmen-hermann-simon-weltmarktfuehrer-hidden-champions-lemken-1.5486993
  • https://www.warsteiner-gruppe.de
  • https://www.westfalen-blatt.de/ueberregional/nachrichten/wirtschaft/wechsel-nach-fast-300-jahren-910105
  • https://www.westfalen-regional.de/de/eisenbahnnetz_1885

Erstveröffentlichung 2022