Das Nordrhein-Westfälische Landgestüt in Warendorf

09.05.2022 Peter Wittkampf

Inhalt

Die Stadt Warendorf gilt nicht nur im nationalen, sondern auch im internationalen Maßstab als herausragendes Zentrum für Reiter und Pferde (s. Beitrag Weinreich/Wieneke).

Beheimatet sind in Warendorf z.B. die Deutsche Reiterliche Vereinigung, das Deutsche Olympiade-Komitee für Reiterei und das Nordrhein-Westfälische Landgestüt, dem die Deutsche Reitschule angeschlossen ist. Über das Landgestüt, um das es im folgenden Beitrag geht, sagten am 27.03.2022 die NRW-Ministerinnen Scharrenbach und Heinen-Esser: "Das Landgestüt hat als Aushängeschild der Pferdezucht und des Reitsports und wichtiger Teil der Landeskultur eine über die Landesgrenzen hinaus hohe Bedeutung" (MULNV NRW 2022a).

Ziele und Aufgaben

Das Landgestüt ist eine Einrichtung des Landes zur Förderung der Pferdezucht.

Es gibt zwar sehr viele private Gestüte. Allerdings dominiert in ihnen die Stutenhaltung, da es schwierig ist, mehrere – für den züchterischen Einsatz bereite – Hengste zu halten, ohne dass es zu gravierenden Problemen z.B. infolge der Aggressionen der Tiere kommt. Das Landgestüt hält hingegen keine Zuchtstuten, sondern Zucht- bzw. Deckhengste, und zwar momentan (im Frühjahr 2022) 85 Tiere, durch die pro Jahr insgesamt etwa 1.400 bis 1.800 Bedeckungen zustande kommen. 24 dieser 85 Hengste sind "Kaltblüter", sie gehören zur Rasse "Rheinisch-Deutsches Kaltblut", um deren Fortbestand und Genetik das Landgestüt besonders bemüht ist.

Wegen des Fehlens eigener Zuchtstuten muss das Landgestüt ständig bestrebt sein, geeignete Junghengste zu kaufen, die sich später als Zuchttiere eignen könnten. Bei solchen Käufen kann man nicht mit kapitalkräftigen Investoren konkurrieren, die für einen gekörten, also offiziell zur Zucht zugelassenen Hengst immens hohe Summen auszugeben bereit und in der Lage sind. Das Landgestüt verfolgt auch nicht das Ziel, ausschließlich jeweils speziell für eine der diversen Pferdesportarten gezüchtete Spitzenpferde hervorzubringen – und dabei womöglich nur bestimmte "Modetrends" zu bedienen. Vielmehr geht es dem Landgestüt um langfristige Perspektiven mit dem Ziel, vielseitig einsetzbare, gesunde, robuste Pferde mit sehr guten Vitalitätsmerkmalen für ein breites Spektrum an Einsatzmöglichkeiten zu züchten, wobei freilich der Freizeitbereich besonders im Blickpunkt steht. Bewährte Entwicklungslinien sollen weiterentwickelt, für die Gegenwart und die Zukunft soll geeignetes Erbgut angestrebt bzw. gesichert werden, Fehlentwicklungen soll entgegengewirkt und die genetische Vielfalt erhalten werden.

Es kommt aber natürlich immer wieder vor, dass Hengste des Landgestüts Nachkommen haben, mit denen ambitionierte oder sogar prominente Reiterinnen und Reiter große sportliche Erfolge feiern können.

Besonders schwierig und nur langfristig zu bewältigen sind die Aufgaben des Landgestüts insbesondere in Bezug auf die Rheinisch-Deutschen Kaltblutpferde. Der Bestand dieser – früher sehr wichtigen – schweren Arbeitspferde ist so stark zurückgegangen, dass er sogar generell bedroht ist. Zudem gilt es, genetische Defekte zu eliminieren: Seit der Einkreuzung belgischer Kaltblutpferde um 1925 ist z.B. die "Mauke" beim Rheinisch-Deutschen Kaltblutpferd stark verbreitet, eine Entzündungserkrankung im Fuß. Bis solche Defekte verschwunden sein werden, dürften allerdings noch Jahre vergehen.

Abb.1: Die Standorte der Deckstellen des Landgestüts innerhalb der fünf Regierungsbezirke von Nordrhein-Westfalen (Quelle: www.landgestuet.nrw.de)

Deckstellen

In der Gegenwart ist künstliche Besamung auch bei Pferden gang und gäbe. Es gibt aber durchaus auch nach wie vor immer wieder den Wunsch, Stuten durch einen "Natursprung" decken zu lassen. Hierfür – und um mit möglichst vielen privaten Züchtern in NRW in Kontakt zu treten und zu bleiben – unterhält das Landgestüt insgesamt 16 Deckstellen. Ihre Standorte sind der Abbildung 1 zu entnehmen. Räumlicher Schwerpunkt ist der Landesteil Westfalen. Durch die beinahe flächendeckende Verteilung der Deckstellen bleiben vielen privaten Züchtern lange Wege nach Warendorf erspart, und das Landgestüt behält durch direkte Kontakte zu den Pferde­züchtern vor Ort die Übersicht über die Entwicklung des Pferdebestandes im Land, was viele Vorteile bietet. Unter anderem macht es diese Vernetzung möglich, in den Deckstellen nicht nur Hengste bereit zu halten, die im Besitz des Landgestüts sind, sondern z.T. auch solche, die über sehr gute Vererbereigenschaften verfügen, aber Privatbesitzern gehören. Diese Pferde können z.B. für eine Deck­saison angepachtet werden.

16 Deckstellen zu betreiben, ist allerdings sehr personal- und kostenintensiv. Ob und in welcher Form alle bisherigen Deckstellen auch in Zukunft bestehen bleiben können, ist zurzeit noch fraglich.

Abb. 2: Landgestüt NRW – Teil des denkmalgeschützten Gebäudekomplexes (Foto: NRW Landgestüt/Georg Frerich)

Die Deutsche Reitschule

Die Deutsche Reitschule wurde 1968 in das Warendorfer Landgestüt integriert. Sie ist der zentrale Aus- und Fortbildungsort für die deutschen Berufsreiterinnen und -reiter sowie die Pferdewirtinnen und -wirte. 37 Schulpferde stehen hierfür im Landgestüt zur Verfügung. Ausbildung, Vorbereitungslehrgänge für verschiedene Prüfungen sowie die Zwischen-, Abschluss- und Meisterprüfungen sind wichtige Bestandteile des Schulprogramms. Jährlich werden etwa 200 Zwischen- und ungefähr ebenso viel Abschlussprüfungen für die angehenden Pferdewirtinnen und -wirte aus allen deutschen Bundesländern (außer Bayern) durchgeführt. Hinzu kommen Lehrgänge und ca. 40 bis 60 Meisterprüfungen für den Bereich der Pferdewirtschaft.

Abb. 3: Hengstparade vor historischer Kulisse (Foto: NRW Landgestüt/Georg Frerich)

Geschichte, Entwicklung, Probleme in Gegenwart und Zukunft

König Friedrich Wilhelm III. gründete 1826 in Warendorf das "Königlich-Preußisch-Westphälische Landgestüt", um in der Provinz Westfalen ein quantitativ und qualitativ besseres Pferdepotenzial verfügbar zu haben. Damals wurden die Pferde dringend für das Militär, in der Landwirtschaft, für den Warentransport und den Personenverkehr gebraucht.

Aus Platzgründen wurde die erste Anlage vom ursprünglichen Standort "Münstertor", wo sie frühere Kasernengebäude nutzte, in den 1880er Jahren in eine neu errichtete Gestütsanlage jenseits der Ems verlegt. Dieser – heute noch bestehende – Standort, damals am Stadtrand von Warendorf gelegen, ist inzwischen längst ein innerstädtisches Areal. Der Zweite Weltkrieg richtete dort kaum Gebäudeschäden an, und die Gesamtanlage steht inzwischen unter Denkmalschutz (Abb. 2). Die Historizität des Ambientes erweist sich zwar gegenwärtig als "optischer" Vorteil, insbesondere bei den zahlreichen Angeboten der Traditionspflege, z.B. den Hengstparaden (Abb. 3) oder der "Symphonie der Hengste", aber es gibt auch Probleme. So fehlen u.a. noch weitere Flächen für die "freie Bewegung" der Tiere, was seit 2009 die Haltungsbestimmungen für Pferde eigentlich vorschreiben. Auch Außenkontakte sind für die Pferde in den Stallungen erschwert, da z.B. aus Denkmalschutzgründen keine Wandklappen in die Mauern eingefügt werden dürfen.

Abgesehen von solchen Herausforderungen, die sich durch den Charakter des bisherigen Areals ergeben, hat sich aber Warendorf generell inzwischen zu einem optimalen Standort für das Landgestüt und die Deutsche Reitschule entwickelt. Auf diese Standortvorteile möchte man auch in Zukunft nicht verzichten. Insbesondere von den Fühlungs- und Kooperationsmöglichkeiten z.B. mit dem Olympiastützpunkt, mit der Deutschen Reiterlichen Vereinigung und ihrem zugehörigen Verlag, der Sportschule der Bundeswehr, mit Event-Veranstaltern usw. konnten und können alle Beteiligten profitieren.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2022