Die Verteilung der Konfessionszugehörigkeit in Westfalen

01.01.2013 Peter Wittkampf

"Wie hast du´s mit der Religion?" – so lautet bekanntlich die berühmte "Gretchenfrage" in Goethes "Faust". Sie berührt einen der intimsten Persönlichkeitsbereiche. Deshalb ist es auch heute nicht immer leicht, verlässliche statistische Daten zur Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung in den Gemeinden zu bekommen.
Abb. 1: Überwiegende Konfessionszugehörigkeit der Bevölkerung in den westfälischen Städten und Gemeinden (Quellen: Regionen in Nordrhein-Westfalen 2005–2011; eigene Erhebungen; Akademie für Raumforschung und Landesplanung 1982)

Die folgende Darstellung basiert auf Daten, die zwischen 2005 und 2013 erhoben und zumeist in der Publikationsreihe "Regionen in Nordrhein-Westfalen" des Aschendorff Verlages veröffentlicht wurden. Bei den Gemeinden, für die dort keine Angaben vorlagen, wurden entsprechende Auskünfte bei den jeweiligen städtischen Behörden eingeholt. Die unterschiedlichen Erhebungsdaten und -verfahren könnten in Einzelfällen zu geringfügigen Abweichungen von den tatsächlichen, aktuellen Werten führen. Genannt wird einerseits die Anzahl der römisch-katholischen und der evangelischen Konfessionsangehörigen, wobei letztere evangelisch-lutherisch oder reformiert sein können. Die dritte Gruppe fasst alle diejenigen Personen zusammen, die entweder einer anderen oder gar keiner Religionsgemeinschaft angehören. Zu den "anderen" Konfessionen zählen beispielsweise der Islam, aber auch Freikirchen, die von der Evangelischen Landeskirche nicht repräsentiert werden (s. Beiträge Krech und Altevogt).

Die Religionsauseinandersetzungen des 16. und 17. Jh.s führten zum Grundsatz "Cuius regio, eius religio". Der Landesherr bestimmte mit seiner eigenen Entscheidung darüber, welche Konfession für die Bewohner seines Territoriums gelten sollte.

So hatten sich bis zum Ende des 18. Jh.s auch in Westfalen deutliche Konfessionsgrenzen zwischen den verschiedenen Hoheitsgebieten herausgebildet, die im Prinzip bis in die Gegenwart die konfessionelle Ausrichtung der Teilregionen und Gemeinden prägen:

  • Die katholische Religion galt vor allem in den zu den Bischofssitzen Köln, Münster oder Paderborn gehörenden Fürstbistümern, wobei das Herzogtum Westfalen, also große Teile des Sauerlandes, sowie das Vest Recklinghausen zu Kurköln gehörten.
  • Die evangelische oder die reformierte Konfession herrschte in den meisten übrigen Territorien Westfalens. Zu ihnen zählten beispielsweise im Jahr 1789 insbesondere die Fürstentümer Minden und Lippe sowie die Grafschaften Mark und Ravensberg, die Brandenburg-Preußen unterstanden. Hinzu kamen einige kleinere Territorien bzw. Teile anderer Fürstentümer, Grafschaften oder Herrschaften (Abb. 1 im Beitrag Gorki).


Grundsätzlich schlägt sich die damalige territoriale Zugehörigkeit auch heute noch bei den Quoten der Konfessionszugehörigkeit nieder. In den meisten Fällen ist die Bevölkerung in den ehemaligen Fürstbistümern bzw. geistlichen Territorien noch mehrheitlich katholisch, in den anderen Regionen mehrheitlich evangelisch bzw. reformiert. Die jeweiligen Quoten haben sich in diesen Teilregionen aber in der Regel von einst etwa 95% auf heute etwa 60% bis 70% reduziert, vor allem durch Zuwanderungen, beispielsweise durch Flüchtlinge und Vertriebene nach dem Zweiten Weltkrieg. Nur noch in den Kreisen Borken und Olpe sowie im Hochsauerlandkreis weist die deutliche Mehrheit der Gemeinden noch eine zu 70% oder mehr katholische Bevölkerung auf. In den evangelischen Kreisen, z.B. in Ostwestfalen, werden solche Werte nur selten erreicht.

Verschiedene Verwaltungsreformen führten in mehreren Kreisen dazu, dass Gemeinden aus früher unterschiedlichen Territorien und mit verschiedenen Konfessionen zu neuen Verwaltungseinheiten zusammengefasst wurden. Manchmal wurden im Zuge der Gebietsreformen in den 1970er Jahren sogar Gemeinden zusammengelegt, die konfessionell unterschiedlich geprägt waren und ursprünglich zu verschiedenen Territorien gehörten. Beispiele hierfür sind etwa Rheda-Wiedenbrück oder Burgsteinfurt und Borghorst.

Tab. 1: Religiöse Vielfalt in der Stadt Lage 2010 (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/ Lage_%28Lippe%29#Religionen)

Insgesamt zeigen sich gegenwärtig folgende Auffälligkeiten und Tendenzen:

  1. In den eher ländlich geprägten Kreisen und Gemeinden, in denen die Industrialisierung erst später oder nicht so intensiv stattfand wie beispielsweise im Ruhrgebiet, blieb die früher vorherrschende konfessionelle Ausrichtung in stärkerem Maße erhalten.
  2. Erhebliche Veränderungen und Durchmischungen geschahen durch die starken Wanderungsströme im Zuge der Industrialisierung. Ins Ruhrgebiet beispielsweise kamen Migranten zunächst u.a. aus Schlesien, Ost- und Westpreußen usw., gegen Ende des 19. Jh.s auch aus Polen, um 1960 aus Südeuropa, dann vorwiegend aus der Türkei und schließlich, nach 1990, aus den bis dahin sozialistischen Ländern. Eine Folge dieser Zuwanderungen war, dass sich vor allem in den Ruhrgebietsstädten, aber auch in anderen, intensiv industriell geprägten Kreisen die Zugehörigkeitsquoten zu bestimmten Konfessionen bzw. zur "3. Gruppe" derer, die weder evangelisch noch katholisch sind, anglichen.
  3. Vor allem in protestantisch geprägten Regionen haben sich im Laufe der Zeit starke Anteile freikirchlicher Konfessionen entwickelt. Nach 1990 wurden sie durch Migranten aus Osteuropa und der früheren Sowjetunion zusätzlich und z. T. deutlich verstärkt. Als Beispiel einer solchen religiösen Vielfalt kann die 35.000 Einwohner zählende Stadt Lage im Kreis Lippe gelten (Tab. 1).
  4. Einige "Industriestädte" weisen seit Jahren einen Bevölkerungsrückgang auf. Andererseits ist dort die Zahl insbesondere der türkischstämmigen Mitbürger relativ hoch. Speziell in der Altersgruppe der Kinder und Jugendlichen ist hierdurch der Anteil der Muslime im Spektrum der Religionen oft größer als in der Gesamtrechnung aller Einwohner und Altersgruppen. In Gelsenkirchen z.B. umfasst die Gruppe der muslimischen Schüler im Schuljahr 2011/12 bereits 29% und ist damit größer als sowohl die katholische wie auch die evangelische Schülergruppe.
  5. Gerade auch in den großen Städten nimmt der Anteil derer, die keiner Religion oder Konfession angehören, zu. Auch dies ist sehr deutlich bei den Kindern und Jugendlichen feststellbar. So beträgt der Anteil der konfessionslosen Schülerinnen und Schüler 2011/12 beispielsweise in Bielefeld knapp 18%, in Dortmund über 16%, in Hagen mehr als 13%.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2013