Die Corona-Pandemie in Westfalen – unter besonderer Berücksichtigung der Jahre 2020 und 2021

20.01.2023 Peter Wittkampf

Inhalt

Die Erfassung der Gesamtzahl der Fälle

Über den Verlauf der Corona-Pandemie in NRW veröffentlichen sowohl das Landesministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales als auch das Statistische Landesamt Daten zur Anzahl der Erkrankungsfälle, der Todesopfer, der in den Krankenhäusern behandelten Patientinnen und Patienten etc. Hieraus lässt sich – unter Heranziehung weiterer Publikationen – folgendes Bild über die Entwicklung der Pandemie in Westfalen bis zum 31.12.2022 gewinnen:

Beim Jahreswechsel 2022/23 wurde COVID-19 als laborbestätigte Erkrankung in Westfalen in 3,659 Mio. Fällen registriert. Dementsprechend waren also – bei etwa 8,33 Mio. Einwohnerinnen und Einwohnern des Landesteils – seit Beginn der Pandemie offiziell bereits knapp 44% von der COVID-19-Erkrankung betroffen – wobei zu berücksichtigen ist, dass bei einigen Menschen die Infektion nicht nur einmal erfolgte.

Nach Angaben des NRW-Gesundheitsministeriums forderte COVID-19 bis Ende 2022 in Westfalen 13.866 Todesopfer.

Vor allem für das Jahr 2022 ergibt sich jedoch folgendes Problem: Statis­tisch erfasst wurden nur die offiziell – nach sog. PCR-Test – laborbestätigten Fälle. Die genaue Anzahl der tatsächlich Infizierten kann aber hiervon erheblich abweichen. Das NRW-Gesundheitsministerium räumte im April 2022 ein, "dass aufgrund der weggefallenen Schutzmaßnahmen, insbesondere der Testpflichten, die Zahl der Testungen deutlich gesunken ist, so dass vermutlich zahlreiche positive Fälle nicht mehr erfasst werden und die Dunkelziffer steigt" (MAGS NRW 2022, S. 4). Aus diesem Grund werden in dem hier vorgelegten Beitrag lediglich die Gesamtzahlen der laborbestätigten COVID-19-Fälle für das jeweilige Ende der Jahre 2020 und 2021 berücksichtigt. Zahlen für den Stand 31.12.2022 liegen zwar offiziell vor, ihre Aussagekraft ist aber in manchen Kreisen bzw. Städten ganz augenscheinlich durch Dunkelziffern erheblich eingeschränkt, sodass sie hier unberücksichtigt bleiben sollen.

Abb. 1: Gesamtzahl der laborbestätigten COVID-19-Fälle bis zum 31.12.2020 pro 100.000 Einwohner (Quelle: www.mags.nrw/coronavirus-statistiken)

Schwerpunkte und Entwicklung der Fallzahlen

Interessant sind sowohl die zeitliche Entwicklung als auch die räumlichen Schwerpunkte von COVID-19 in Westfalen. Um eine wirkliche Vergleichbarkeit der Fallzahlen in den Kreisen bzw. kreisfreien Städten zu ermöglichen, wurden diese Zahlen auf je 100.000 Einwohner umgerechnet.

Am 31.12.2020 gab es die niedrigsten Zahlen an bis dahin laborbestätigten COVID-19-Fällen pro 100.000 Einwohner in den Kreisen Soest (1.172) und Coesfeld (1.377) sowie in der Stadt Münster (1.375). Besonders hohe Werte wurden dagegen für Herne (3.055 pro 100.000 Ew.), Gelsenkirchen (2.902), Hagen (2.838), Hamm (2.831) und den Kreis Gütersloh (2.957) errechnet (Abb. 1). Im Kreis Gütersloh spielte dabei der Ausbruch im Fleisch­industriebetrieb Tönnies (Rheda-Wiedenbrück) im Juni 2020 eine entscheidende Rolle.

Der Kreis Gütersloh und die genannten Ruhrgebietsstädte gehörten auch Ende 2021 noch zu den Teilregionen mit den meisten Erkrankungsfällen pro 100.000 Einwohner, wobei Hagen nun die Stadt Herne ablöste, die Ende 2020 noch die höchsten Zahlen verzeichnet hatte. Hinzu kamen 2021 die Kreise Lippe und Minden-Lübbecke mit besonders vielen COVID-Fällen (Abb. 2). Medienberichten zufolge haben in diesen beiden Kreisen offenbar auch Impf­skepsis und unvorsichtiges Verhalten von – mehrheitlich russlanddeutschen – Mitgliedern freikirchlicher Gemeinschaften eine nicht unerhebliche Rolle gespielt. In der Lübecker Kreiszeitung beispielsweise hieß es am 18.10.2021 unter dem Titel "Russlanddeutsche und Corona: Experte sieht kulturell verankerten Widerwillen gegen staatliche Maßnahmen" wörtlich: "Die hohe Corona-Inzidenz in Espelkamp [...] treibt die Infektionszahlen im ganzen Kreis nach oben, so dass Minden-Lübbecke aktuell (Samstag) mit 102,5 die zweithöchste Inzidenz in NRW hat" (https://sektenfragen.ekvw.de/.../). Schon am 12.12.2020 hieß es im Spiegel in einem Bericht über den Kreis Lippe, dort sei es erneut "in einer Freikirche zu einer Masseninfektion mit dem Coronavirus" gekommen (www.spiegel.de/.../). Und auch am Ende des Jahres 2021 noch berichtete etwa Radio Lippe von ähnlichen Problemen in der Stadt Lage im Kreis Lippe. Der Titel einer Meldung vom 23.12.2021 lautete: "Lage: Einzelne Freikirchen wollen 3G nicht akzeptieren" (www.radiolippe.de/.../).

Abb. 2: Gesamtzahl der laborbestätigten COVID-19-Fälle bis zum 31.12.2021 pro 100.000 Einwohner sowie im Jahr 2021 durch COVID-19 Gestorbene (anteilig an allen 2021 Gestorbenen) (Quellen: www.mags.nrw/coronavirus-statistiken; www.it.nrw; eigene Berechnungen)

Die Bedeutung prekärer sozialer Bedingungen

In den Ruhrgebietsstädten Gelsenkirchen, Herne und Hagen hingegen dürfte die prekäre Lage größerer Teile der Bevölkerung eine wesentliche Ursache für die hohen Infektionszahlen gewesen sein. Der WDR fasste am 03.02.2022 die bis dahin vorliegenden Erkenntnisse von entsprechenden Studien folgendermaßen zusammen: "Die ‚Hotspots‘ der Pandemie sind also häufig sogenannte Brennpunktviertel. Dort leben viele Menschen mit geringem Einkommen in beengten Wohnverhältnissen, arbeiten in Jobs ohne Homeoffice-Option und sind häufig auf den ÖPNV angewiesen. Alles Faktoren, die das Infektionsrisiko steigern" (www.wdr1.de/.../). Die Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg wies 2021 (unter dem Titel "Migration und Integration in Zeiten von Corona") darauf hin, dass "zahlreiche Forschungsergebnisse" darauf hindeuten, "dass Menschen mit Migrationsgeschichte stärker von COVID-19-Erkrankungen betroffen sind, weil sie häufiger den wichtigsten Risikofaktoren für eine COVID-19-Erkrankung ausgesetzt sind" (www.lpb-bw.de/.../).

Laut IT.NRW gab es innerhalb Westfalens in der Tat in den Städten Gelsenkirchen, Herne und Hagen besonders
•  niedrige Durchschnittseinkommen,
•  hohe Arbeitslosenquoten,
•  hohe Anteile an Empfängerinnen und Empfängern von Mindestsicherungsleistungen sowie 
•  viele Haushalte, wo überwiegend nicht deutsch gesprochen wird.

Die Beherrschung der deutschen Sprache wäre für das problemlose Verstehen der Corona-Schutzverordnungen wichtig gewesen, weil diese zunächst nur auf Deutsch erschienen.

Aber nicht nur die COVID-19-Fälle als solche, sondern auch die Schwere des Krankheitsverlaufs und die coronabedingten Sterberaten überstiegen in Gelsenkirchen, Herne und Hagen die Durchschnittswerte innerhalb Westfalens sehr deutlich. 2021 war in den genannten Städten für 13–14% aller Todesfälle COVID-19 ursächlich, während die Quoten in Münster und im Kreis Coesfeld jeweils bei unter 5% lagen (Abb. 2).

"Sozial benachteiligte Bevölke­rungsgruppen haben laut dem Robert-Koch-Institut eher schwere Krank­heitsverläufe" (Mediendienst Integration 2021). Die Ursachen hierfür sind noch nicht völlig geklärt, sie könnten aber u.a. in häufigeren Vorerkrankungen liegen.

Der Anteil der Corona-Patienten in den Krankenhäusern ist ebenfalls aufschlussreich: Umgerechnet pro 100.000 Einwohner wurden im Jahr 2021 z.B. in Herne 691, in Hagen 651 Patient(inn)en aus den Krankenhäusern entlassen, die dort vollstationär mit der Diagnose COVID-19 behandelt worden waren. Die entsprechenden Vergleichszahlen lauten für Münster 180, für den Kreis Coesfeld 203 (IT.NRW 2022). Hier scheinen die genannten Risiken durch das soziale Milieu deutlich geringer zu sein. Für Münster kommt noch hinzu, dass es dort verhältnismäßig viele Single-Haushalte gibt, so dass hier die Quarantäne besser einzuhalten ist. Zudem leben in der Universitätsstadt viele junge Menschen, die ja zunächst nicht zu den Hauptrisikogruppen für schwere Corona-Verläufe gehörten.

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Weiterführende Literatur/Quellen

  • IT.NRW Information und Technik Nordrhein-Westfalen (Hg.) (2022): Aus dem Krankenhaus entlassene vollstationär behandelte Patient(inn)en mit der Diagnose COVID-19 (Virus nachgewiesen) in NRW 2021. (https://www.it.nrw/sites/default/files/atoms/files/508_22.pdf)
  • Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg (Hg.) (2021): Migration und Integration in Zeiten von Corona. Covid-19 als "Brandbeschleuniger"? (https://www.lpb-bw.de/corona-und-migration)
  • MAGS NRW Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.) (2022): Verordnung zur Änderung der Coronaschutzverordnung vom 27. April 2022. (https://www.mags.nrw/sites/default/files/asset/document/220629_konsolidierte_begruendung_coronaschvo.pdf)
  • Mediendienst Integration (Hg.) (2022): Erkranken Menschen mit Migrationshintergrund häufiger an Corona? (https://mediendienst-integration.de/migration/corona-pandemie.html)
  • Redaktionsnetzwerk Deutschland (14.12.2022): Anstieg der Corona-Fallzahlen: Experten warnen vor hoher Dunkelziffer. (https://www.rnd.de/gesundheit/corona-neuinfektionen-steigen-experten-warnen-vor-hoher-dunkelziffer-54SAW4K3CJMBNLZ2KY3YZG6ZZY.html)
  • Rösel, F. und S. Schulze-Spüntrup / ifo Institut (Hg.) (2020): Stadt oder Land – Wer ist stärker von Corona betroffen? In: ifo Dresden berichtet, 2020, 27, Nr. 6, S. 9–11 (https://www.ifo.de/DocDL/ifoDD_20-06_09-11_Roesel.pdf)
  • WDR (03.02.2022): Corona und Migrationshintergrund: Die Datenlage ist dünn.
    (www1.wdr.de/nachrichten/corona-impfung-migranten-rki-studie-100.html)
  • https://sektenfragen.ekvw.de/fileadmin/mcs/sektenfragen/downloads/2021-10-18_Luebbecke_-_2021-10-18_print-1.pdf
  • https://www.it.nrw
  • https://www.mags.nrw/coronavirus-statistiken
  • https://www.radiolippe.de/nachrichten/lippe/detailansicht/lage-einzelne-freikirchen-wollen-3g-nicht-akzeptieren.html
  • https://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/corona-behoerden-melden-65-infizierte-nach-gottesdienst-in-freikirche-a-f43005ee-59ae-45e2-bc3e-8e38f9943de9

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Erstveröffentlichung 2023

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