Die Westfälische Landeseisenbahn: Reaktivierungsvorhaben im ÖPNV
Zur Geschichte der WLE
Die heutige Westfälische Landeseisenbahn, kurz WLE, wurde am 22. November 1881 als Warstein-Lippstädter-Eisenbahn-Gesellschaft aus der Taufe gehoben. Zunächst befuhr sie die Strecke Lippstadt – Warstein (eröffnet am 01.11.1883). Der Name WLE entstand 1896. Hauptgesellschafter war der Provinzialverband Westfalen, später Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), der sich aber 2011 endgültig als Anteilseigner zurückzog.
Die WLE wurde maßgeblich durch die wirtschaftliche Situation am Ende des 19. Jh.s geprägt: Die zunehmende Industrialisierung sowie die wachsende Bevölkerung in der Region erforderten zunehmend das neue Verkehrsmittel "Eisenbahn", das mittlerweile auch technisch ausgereift und sicher erschien. 1898 entstand die Strecke Lippstadt – Beckum, was hier zu einem starken Anstieg der Zementproduktion führte (s. Beitrag Grothues). 1899 folgte die Strecke über Neubeckum nach Ennigerloh, 1901 Neubeckum – Warendorf und 1903 die Verlängerung nach Münster.
In ihrer "besten" Zeit umfasste das Streckennetz der WLE 265 km: die Stammstrecke von Warstein über Lippstadt, Beckum und Sendenhorst nach Münster, die Strecken Burgsteinfurt – Ahaus – Stadtlohn – Borken und Stadtlohn – Vreden sowie die als "Senneblitz" bezeichnete Strecke von Wiedenbrück nach Sennelager.
Auf allen Strecken gab es sowohl Güter- als auch Personenverkehr, letzterer wurde allerdings 1975 eingestellt. Übriggeblieben ist die Güterverkehrsstrecke von Warstein nach Münster.
Status quo
Derzeit umfasst das Logistikunternehmen WLE ein Streckennetz von 120 km Länge (Abb. 1), 10 Diesel- und zwei Elektrolokomotiven, 52 Waggons und 112 Mitarbeitende. Der Umsatz beträgt rd. 15 Mio. Euro pro Jahr – bei rd. 1,2 Mio. t Transportleistung. Organisiert ist die WLE in drei Bereiche: das Eisenbahn-Service-Unternehmen ESU (Werkstatt), die Eisenbahninfrastruktur EIU und das Eisenbahnverkehrsunternehmen EVU.
Hauptgeschäftsfeld ist derzeit der Transport von Kalkstein. Für die Zementproduktion in den Beckumer Werken reicht die Qualität des Kalksteines vor Ort nicht aus und muss mit dem Kalkstein aus Warstein, der einen höheren Kalkgehalt hat, vermischt werden. Im Normalbetrieb fahren wöchentlich vier Züge die beiden noch bestehenden Zementwerke in Beckum an. 2023 wurden rd. 400.000 t Kalkstein über das Schienennetz transportiert, zu Hochzeiten war es auch schon einmal nahezu die doppelte Menge. Hier zeigen sich die Veränderungen vor allem im Bausektor. Noch vor kurzem mussten die Gesellschafter (Abb. 3) 5 Mio. Euro als "Finanzspritze" in das Unternehmen einbringen.
Ein weiterer Großkunde ist die Warsteiner Brauerei. Im Frühjahr 2005 wurde ein 4,5 km langes Anschlussgleis zur Brauerei mit einem Containerterminal in Betrieb genommen. Zweimal in der Woche fahren WLE-Züge mit 36 Containern von Warstein zum Hamburger Hafen, um von dort in alle Welt verschifft zu werden, und an jedem Wochenende fährt ein "Bierzug" nach München, dessen Ladung von dort bis nach Italien weitertransportiert wird.
Eine besondere Aufgabe entstand unerwartet im Jahr 2007, als der Sturm Kyrill im Sauerland wütete: Die WLE hat mit ihren Loks und Waggons fast 300.000 t Holz aus der betroffenen Region abtransportiert.
Zukünftige Entwicklung
Die aktuelle Diskussion um die Mobilitätswende hat den Plänen zur Reaktivierung des Personenverkehrs auf der WLE-Strecke wieder neuen Auftrieb gegeben. Zwar laufen die Planungen schon seit Jahrzehnten, doch zeichnet sich jetzt eine realistische Perspektive ab: Im Jahr 2027 soll zunächst die Strecke Münster – Sendenhorst wieder ans Netz gehen. Die 21 km lange Trasse verläuft dann vom Hauptbahnhof Münster entlang des Albersloher Wegs (Haltepunkte Halle Münsterland und Loddenheide) über die Stadtteile Gremmendorf, Angelmodde (Angelstraße) und Wolbeck (Hiltruper Straße) nach Albersloh und dann Sendenhorst. Das Planfeststellungsverfahren ist im Dezember 2025 abgeschlossen worden, der Planfeststellungsbeschluss wird Anfang 2026 erwartet.
Geplant sind ausschließlich umweltfreundliche und sparsame Elektrozugmaschinen. Die Fahrzeuge fahren mit Akkubetrieb und können an den Oberleitungen am Hauptbahnhof Münster geladen werden.
Für die Reaktivierung der Strecke Münster – Sendenhorst waren bereits im Jahr 2013 Kosten i. H. v. 32,8 Mio. Euro veranschlagt worden. Mittlerweile wird das Volumen auf rd. 133 Mio. Euro taxiert (WN, 06.03.2024). Ebenfalls geschätzt ist die Zahl von dann etwa 6.500 – 10.000 Pendler/innen, die das Angebot jeden Werktag in Anspruch nehmen werden.
Für das Oberzentrum Münster ist die Streckenreaktivierung ein wichtiger Baustein in dem übergeordneten Projekt "S-Bahn Münsterland" – insbesondere zur Entlastung des Straßenverkehrs in und um Münster herum. Die Fahrtzeit zwischen dem Hauptbahnhof Münster und Sendenhorst verkürzt sich auf 30 Minuten, die Zeit zwischen dem Stadtteil Wolbeck und Münster-Hbf auf 16 Minuten.
Voraussetzung hierfür ist allerdings der Umbau des Gleises 20 im Münsteraner Hauptbahnhof. Dies ist derzeit noch nicht für den Personenverkehr geeignet.
Die anvisierte Streckenverlängerung soll von Sendenhorst weiter über Enniger/Ennigerloh, Neubeckum, Beckum, Diestedde, Wadersloh, Liesborn, Cappel, Lippstadt bis schließlich nach Warstein verlaufen. Die aus dem Jahr 2023 stammende Kostenschätzung für die 47,6 km liegt zwischen 114 und 184 Mio. Euro.
Weiterführende Literatur/Quellen
- Die Glocke vom 25.10.2023: WLE-Reaktivierung: "Vielleicht 2026, vielleicht 2027".
(https://www.die-glocke.de/kreis-warendorf/warendorf/artikel/wle-reaktivierung-vielleicht-2026-vielleicht-2027-1698244148) - Die Glocke vom 24.11.2023: Bahn-Reaktivierung bis nach Warstein rechnet sich.
(https://www.die-glocke.de/kreis-warendorf/wadersloh/artikel/bahn-reaktivierung-bis-nach-warstein-rechnet-sich-1700757128) - Die Glocke vom 28.11.2023: WLE-Reaktivierung nimmt "erste wichtige Hürde".
(https://www.die-glocke.de/kreis-warendorf/ennigerloh/artikel/wle-reaktivierung-nimmt-erste-wichtige-huerde-1701189365) - Die Glocke vom 26.11.2025: Der steinige Weg zur Reaktivierung der WLE-Strecke.
(https://www.die-glocke.de/kreis-warendorf/warendorf/artikel/der-steinige-weg-zur-reaktivierung-der-wle-strecke-1764086768) - Die Glocke vom 15.01.2026: Verlängerung der WLE-Strecke Zukunftsmusik.
(https://www.die-glocke.de/kreis-warendorf/warendorf/artikel/verlaengerung-der-wle-strecke-zukunftsmusik-1768407254) - Grothues, R. (2008): Das Beckumer Zementrevier: Aufstieg und Niedergang.
(https://www.westfalen-regional.de/de/beckum-1) - WN Westfälische Nachrichten vom 06.03.2024: WLE-Strecke kostet nun 133 Millionen Euro.
(https://www.wn.de/muensterland/kreis-warendorf/sendenhorst/wle-strecke-kostet-nun-133-millionen-euro-2933044) - https://de.wikipedia.org/wiki/Westfälische_Landes-Eisenbahn
- https://www.kreis-warendorf.de/unsere-themen/kreisarchiv/kreisgeschichte-online/westfaelische-landes-eisenbahn
- https://www.rvm-online.de
-
https://www.wle-online.de
Erstveröffentlichung 2026