Postkolonialismus in Westfalen

14.03.2022 Carola Bischoff

Inhalt

Im Jahr 2008 wurde mit der 100. Jährung des Niederschlags der Aufstände der Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika (1904–1908) und der Anerkennung dieses Ereignisses als Völkermord durch das Auswärtige Amt (2015) in Deutschland eine neue Welle der Auseinandersetzung und des Gedenkens an das koloniale Vorgehen der Deutschen angestoßen. Die Ausstellung "Deutscher Kolonialismus. Fragmente seiner Geschichte und Gegenwart" im Historischen Museum in Berlin präsentierte das Thema einer breiten Öffentlichkeit (Gottschalk 2016).

Als Kolonialismus versteht man allgemein die Inbesitznahme auswärtiger Territorien und die Unterwerfung, Vertreibung oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung durch die Kolonialherrschaft. Kolonisten und Kolonisierte haben einander als "fremd" wahrgenommen, wobei von den Europäern keine Gleichwertigkeit anerkannt, sondern der Glaube an eine kulturelle Höherwertigkeit vertreten wurde. Nach Dietrich und Strohschein (2011, S. 114 f.) erfolgte damit eine Kolonisierung des Geistes und des Wissens sowie die Loslösung von der eigenen Geschichtsschreibung und eine westliche Ökonomisierung.

Unter Postkolonialismus versteht man eine Denkrichtung, die sich ab Mitte des 20. Jh.s erneut mit der Geschichte des Kolonialismus und Imperialismus auseinandersetzt und dabei sowohl auf die kolonisierten Regionen blickt als auch das Fortbestehen von imperialistischen Strukturen betrachtet.

Deutsche Kolonien und die Geographie

Von 1884 bis 1918 verfügte das Deutsche Reich über "Schutzgebiete" und Kolonien in Afrika, im Pazifischen Ozean und in China. Die flächenhaftes­ten Gebiete lagen in Afrika mit Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika (Namibia) und Deutsch-Ostafrika (Tansania, Ruanda, Burundi).

Die Geographie war, wie andere junge Fächer (u.a. Ethnologie) auch, Ende des 19. Jh.s stark interessiert an einer Anerkennung als Wissenschaft und Etablierung an den Universitäten. Die systematische länderkundliche Forschung und Darstellung war hierbei ein wichtiger Baustein, der dem Fach Anerkennung einbrachte.

Von 1887 bis 1943 bestand die sog. Deutsche Kolonialgesellschaft. Zielsetzung waren die Verbreitung des nationalen Verständnisses und Interesses für die Kolonialfrage, die praktische Lösung kolonialer Probleme durch Unterstützung deutsch-nationaler Kolonisationsunternehmen, die Pflege der Zusammengehörigkeit der Deutschen im Ausland, die wissenschaftliche Erforschung der Kolonien sowie die Erweiterung und Sicherung des deutschen Kolonialbesitzes.

Unter anderem initiierte im Jahr 1905 der Geograph Hans Meyer die "Kommission für die landeskundliche Erforschung der deutschen Schutzgebiete", die bis 1919 bestand. "Schutzgebiete" benannte man in der damaligen deutschen Macht- und Interessenslage die kolonisierten Gebiete, die zweifelsfrei nicht um Schutz, Eroberung oder Ausbeutung gebeten hatten.

Geographische Perspektiven im Prozess des Postkolonialismus

Vorrangig geht es darum, wie, von wem, über wen, mit welchen Mitteln über die kolonial überformten Räume geschrieben, berichtet und geforscht wurde und wird. Hier stehen sowohl das Thema, die Arten der Vermittlung, die Darstellung und Visualisierung, die Akteursgruppen sowie die Autorinnen und Autoren im Fokus. Diese wissenschaftliche Forschungsperspektive nimmt dabei den Raum als eine gedankliche Konstruktion wahr. Durch (stereotype) Zuschreibungen, Berichte, Bilder, die vielfach reprodu­ziert werden, wird der Raum vom Men­schen überhaupt erst hergestellt. Wie entstehen solche Raumkonstruktionen?

Awet (2018) hat nordrhein-westfälische Schulbücher mit Blick auf die Darstellung Subsahara-Afrikas untersucht und u.a. inhaltliche Lücken und Schwächen am Beispiel des Themenfeldes Kolonialismus herausgearbeitet (S. 194–201): Verträge zum "Landerwerb" in Juristen-Deutsch konnten nicht von den lokalen Gesellschaften verstanden werden (das sollten sie wohl auch nicht), die verwendete Sprache (z.B. "Häuptling", "Stamm") deutet darauf hin, dass es in keiner Weise um ein Verstehen – oder gar Akzeptieren – des vorhandenen Gesellschaftssystems ging, während die Kolonialisten sprachlich in ein neutrales bis positives Licht gesetzt wurden: "Kaufleute", "Handelsniederlassungen" für Personen und Institutionen, die das lokale Umfeld bedroht, unterdrückt, ausgebeutet und ermordet haben. Ebenfalls fehlen weitestgehend Darstellungen zu den Handlungsmöglichkeiten der Kolonisierten und ihrem Widerstand, sodass sich das Bild verfestigt, die afrikanischen Gesellschaften wären passiv geblieben. Eine Gegenwehr gab es aber durchaus: Hendrik Witbooi (1830–1905) führte 1904 den Widerstand in Deutsch-Südwestafrika an und war 1993–2012 als Nationalheld auf allen Geldscheinen Namibias abgebildet.

Allein anhand dieser wenigen Beispiele wird deutlich, dass eine bestimmte Art über Kolonialismus zu "erzählen" immer wieder reproduziert wurde bzw. wird. Es ist eine weiße, deutsche Sicht.

Auch in den Massenmedien wird durch die Reproduktion von Bildern und Informationen eine homogenisierte Auffassung geformt. Sickenberger (2021) untersuchte hierzu die Tagesschau-Berichterstattung über mehr als 50 afrikanische Länder in den Jahren 1952–2018 hinsichtlich der behandelten Inhalte und Akteure. Demnach verstellten Berichte über Krisen, Krieg und Katastrophen den Blick auf die vielfältigen Kulturen und Lebensrealitäten. Diese Bewusstmachung ist ein wichtiger Beitrag zur Dekolonisation.

Mit Blick auf die Wissenschaft als Akteur bietet Horstmann (2015) eine umfangreiche Untersuchung zur Rolle der Kölner Hochschulen. Um eine koloniale Herrschaft zu errichten und aufrechtzuerhalten, hatte die Aneignung, Verarbeitung sowie die Instrumentalisierung und Manipulation von Wissen eine große Bedeutung. Das EU-geförderte Projekt zum Kolonialismus und zur Dekolonisation in nationalen Geschichtskulturen und Erinnerungspolitik (2013–2015) lieferte einen wichtigen Anschub für eine wissenschaftlich basierte, breite Wahr­nehmung des Themas (Fenske et al. 2015). Ferner erleichtert das deutsche Bundesarchiv mit dem Archiv­führer Deutsche Kolonialgeschichte seit 2019 den Quellenzugang.

Die Geographie hat vor allem in zahlreichen Arbeiten in den 1970er bis 1990er Jahren zum "Entwicklungsländertourismus" oft nur Themen des Kolonialismus gestreift: einerseits durch Inwertsetzung von kolonialen Stätten als kulturelle Sehenswürdigkeiten, Museen oder Gedenkstätten, andererseits durch deren konkrete touristische Nachnutzung, indem z.B. ehemalige Höhenkurorte vor allem durch US-Amerikaner und Briten wieder in Betrieb genommen wurden (Vorlaufer 1996, S. 193–196). Rodrian (2009) untersuchte hingegen konkret das koloniale touristische Potenzial Namibias für ein deutsches Publikum. Mit der Dekolonisation der Entwicklungszusammenarbeit sind zahlreiche neue Perspektiven entstanden (Schöneberg u. Ziai 2021).

Die lokale und regionale Verortung des Kolonialismus ist ein Forschungsansatz, der darauf hinweist, dass es DEN Kolonialismus nicht gibt und eine einheitliche Landkarte der kolonialen Begegnungen, die von Goldraub und Versklavung bis zur Alphabetisierung reichen, nicht existieren kann. Es handelt sich vielmehr um zeitlich und räumlich jeweils unterschiedliche Konstellationen, die dem Phänomen Kolonialismus immer wieder ein anderes Bild geben können oder eine neue Facette beisteuern. Entsprechend werden in der Wissenschaft Mikrostudien angeregt, die einzelne, lokal und regional gefärbte "stories" zur Kolonialgeschichte in den Blick nehmen (Horstmann 2015, S. 13).

In Berlin ist 2020 das Projekt "Dekoloniale Erinnerungskultur" ins Leben gerufen worden, das nicht nur vor Ort kreative Initiativen gestartet hat, sondern im ganzen Bundesgebiet vernetzen möchte. Auch das Bündnis "decolonize-berlin", das ähnliche Ziele verfolgt, hat viele Nachahmer in NRW gefunden.

Abb. 1: Ausstellungsplakat in Hamm 2/2022 (Ausschnitt) (Quelle: Eine Welt Netz NRW)

Aufarbeitung in Westfalen

Bereits 2004 gründete sich der Arbeitskreis "Bielefeld Postkolonial", der 2007 erste Stadtrundgänge zum Thema anbot. 2019 wurde gemeinsam mit der Universität Paderborn eine Tagung initiiert, wodurch im regionalhistorischen Kontext wichtige Grundlagenarbeiten gesammelt werden konnten. Hieraus resultieren inzwischen in Ostwestfalen lokale Führungen, Vorträge und Veröffentlichungen – u.a. in Detmold, Lemgo, Herford, Bielefeld und Paderborn (Bischoff, Frey u. Neuwöhner 2021).

Für das gesamte Ruhrgebiet ist im Jahr 2016 das Projekt "Interkultur Ruhr" unter Finanzierung der Metropole Ruhr ins Leben gerufen worden. Als Bericht und Projektarbeit ist in diesem Zusammenhang ein Sammelband entstanden, der mit verschiedenen Kommunikationsmitteln eine Auswahl der postmigrantischen und postkolonialen Kulturlandschaft präsentiert (Kluhs et al. 2021).

Im Jahr 2012 startete der Internetauftritt "Dortmund postkolonial". Hier kann man Informationen über die kolonialen Spuren und das postkoloniale Geschehen vor Ort erhalten, ergänzende Beiträge schreiben oder Materialien zur Verfügung stellen. Auch wenn Dortmund keine Kolonialmetropole war, lässt es sich aufzeigen, wie der Lebensalltag einer deutschen Kolonialprovinz vom Kolonialismus durchdrungen war: "Die Handelskammer forderte energisch den Eintritt in die Kolonialpolitik; die Stadt Dortmund, ein großer Teil der Mitglieder des Magistrats und der Dortmunder Wirtschaft wurden Mitglied in Kolonialvereinen; viele Dortmunder Unternehmen waren in den Kolonien aktiv; zahlreiche Kriegsfreiwillige aus Dortmund nahmen an den Kolonialkriegen teil und gründeten Kolonialkriegervereine; in Völkerschauen, Varietés oder Zirkusvorstellungen wurden die ‚neuen Landsleute‘ vorgeführt – manchmal bewundert, manchmal rassistisch geschmäht" (Brum 2012).

Ein Buch und kolonialgeschichtliche Stadtrundgänge wurden auch lokal für Hagen bearbeitet (Fechner u. Schneider 2019). Straßennamen, Denkmäler und etablierte Strukturen erinnern an die Bedeutung der kolonialen Geschichte der Stadt.

Darüber hinaus werden seit 2021 Gesprächsabende in verschiedenen Städten durch die Ausstellung "Sichert(e) sich auch unser Land einen Platz an der Sonne? Der lange Schatten der deutschen Kolonialzeit" des "Eine Welt Netz NRW" begleitet (Abb. 1).

Bundesweit wurde die koloniale Geschichte sehr intensiv für Hamburg aufgearbeitet; für Bonn und Köln findet man gut dokumentierte Stadtführungen auf kolonialen Spuren, die Erinnerungsorte kontextuell einordnen helfen (Carstens u. Heinrich 2019). Es gibt also zahlreiche Anregungen, wie man Menschen für das Thema interessieren und sensibilisieren kann.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2022