Attendorn – "industrielle Perle" in der Wirtschaftsregion Südwestfalen

13.02.2017 Christian Krajewski

weiterer Autor: Timo Jäckel

Inhalt

Statistisch betrachtet, verfügen die Einwohner der drittgrößten Stadt im Kreis Olpe über das höchste Einkommen in Nordrhein-Westfalen: Mit über 40.000 Euro pro Kopf und Jahr liegt das zur Verfügung stehende Einkommen fast doppelt so hoch wie der Landesdurchschnitt NRWs (IT.NRW 2014, S. 24). Die Spitzenposition des südsauerländischen, 25.000 Einwohner starken Mittelzentrums auch innerhalb der wirtschaftlich prosperierenden Region Südwestfalen (s. Beitrag Krajewski) lässt sich vor allem auf die Stärke der mittelständischen Wirtschaftsstruktur mit ihrem ausgeprägten industriellen Schwerpunkt zurückführen. Innerhalb des Kreises Olpe ist die Hansestadt Attendorn die industriestärkste Kommune. Obwohl Attendorn – gemessen an der Wohnbevölkerung – erst an dritter Stelle der sieben Kommunen im Landkreis steht, wurden hier im Jahr 2014 mit 8.721 Beschäftigten 29% aller Arbeitsplätze des produzierenden Gewerbes im Kreis Olpe gestellt (IT.NRW 2015), weshalb Attendorn von der IHK Siegen als "industrielle Perle" charakterisiert wird (Hußmann 2008).

Dass Industrie und verarbeitendes Gewerbe das ökonomische Rückgrat des Mittelzentrums bilden, lässt sich auch an der Verteilung der Beschäftigten nach Wirtschaftssektoren festmachen: So waren 2014 zwei Drittel aller rd. 13.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im produzierenden Gewerbe tätig (zum Vergleich: Kreis Olpe: 55%, Südwestfalen: 38%, NRW: 28%; IT.NRW 2015). Allein seit dem Jahr 2006 sind nahezu 1.000 Arbeitsplätze in der Attendorner Industrie neu hinzugekommen. Von der wirtschaftlichen Prosperität zeugen auch die mit rd. 4% überdurchschnittlich niedrige Arbeitslosenquote und das positive Berufseinpendlersaldo in Höhe von 3.400 Personen. Gegenüber dem produzierenden Gewerbe sind der Handels- und Dienstleistungssektor ebenso wie die Land- und Forstwirtschaft – anders als in den benachbarten Mittelzentren und im NRW-Durchschnitt – in Attendorn insgesamt sehr unterrepräsentiert (Handel, Gastgewerbe und Verkehr: 11,5%, sonstige Dienstleistungen: 22,6%, Land- und Forstwirtschaft: 0,1% der sozialversicherungspflichtig Beschäftigen; IT.NRW 2015).

Abb. 1: Flächenintensive Indus- trieansiedlungen in Attendorn (Foto: Stadt Attendorn 2007)

Entwicklung des produzierenden Gewerbes

Innerhalb des produzierenden Gewerbes nimmt die eisen-, blech- und metallverarbeitende Industrie, hervorgegangen aus der neuzeitlichen Erzgewinnung und -verhüttung im Biggegebiet, die bedeutendste Stellung ein. Der Beginn der Industrialisierung in Attendorn um die Mitte des 19. Jh.s fiel mit den ersten Jahrzehnten der preußischen Verwaltung zusammen. Mit dem Anschluss an das Eisenbahnnetz (Biggetalbahn 1874, Lennetalbahn mit Ruhr-Sieg-Strecke 1861) hatten sich die Absatzwege bereits im 19. Jh. verbessert. An die Anschlussstellen der Bundesautobahnen A 45 Dortmund – Frankfurt ("Sauerlandlinie") und A 4 Köln – Olpe ist Attendorn heute über die 10 km entfernte Kreisstadt Olpe angebunden.

Aus einigen als Handwerksbetriebe geführten Gelbgießereien entwickelten sich im 20. Jh. langsam Armaturenfabriken. Damals entstandene Firmen wie Franz Viegener II (heute Viega GmbH & Co KG, mit fast 1.400 Beschäftigten der größte Arbeitgeber am Ort), oder Gebrüder Dingerkus (heute GEDIA-Gebrüder Dingerkus GmbH, ca. 800 Besch.) tragen dazu bei, dass die Armaturenindustrie heute einen der wichtigsten und bekanntesten Wirtschaftszweige der Stadt darstellt – und sie stehen beispielhaft für zahlreiche weitere inhabergeführte, mittelständische Betriebe mit starker lokaler Verankerung. Neben den genannten haben zahlreiche andere der gegenwärtig in der Stadt Attendorn ansässigen Unternehmen ihre Wurzeln in dieser Gründerzeit; all diese Firmen trugen dazu bei, dass sich die metallverarbeitende Industrie in der Stadt im Laufe der Jahrzehnte bis zur heutigen Prosperität entwickeln konnte.

Über die Armaturenhersteller hinaus sind unter den Betrieben der Metallindustrie heute insbesondere Automobilzulieferer sehr stark vertreten (z.B. die Maschinen- und Federnfabrik Muhr und Bender KG (Mubea) mit 1.330 Besch.). Von Bedeutung sind außerdem der Maschinenbau, Betriebe der Stahlverformung, Schmieden, Pressen, Ziehereien, Metallgießereien und Kunststofffabriken. Die zahlreichen Zulieferbetriebe sind besonders stark abhängig von der Automobilindustrie, was für den Wirtschaftsstandort Attendorn ein gewisses Risikopotenzial bedeutet (Krajewski/Jäckel 2015, S. 5, 11–12).

Auch wenn es zahlreiche Betriebe mit über 200 Beschäftigten gibt, sind die meisten Industriebetriebe in Attendorn dem Mittelstand zuzurechnen. Für die zahlreichen klein- und mittelständischen Unternehmen (KMU) Attendorns sind schon heute und vermehrt zukünftig die Auswirkungen von wirtschaftlicher Globalisierung und demographischem Wandel als größte Herausforderungen anzusehen. Fachkräftemangel und die im Vergleich zu konkurrierenden Großunternehmen im produzierenden Sektor geringeren Aufwendungen für Forschung und Entwicklung sind die vornehmlichen Hemmnisse, die es zu überwinden gilt. Das Strukturförderprogramm des Landes NRW "REGIONALE 2013" in Südwestfalen ist ein aktuelles Beispiel, wie den genannten Aufgaben begegnet werden kann, indem die Region sich durch interkommunale Kooperationen unter Einbezug aller gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Akteure "europaweit als attraktiver Lebens- und Wirtschaftsraum" profiliert und "Maßstäbe für Qualitäten und Innovationen in der Entwicklung des Landschafts- und Siedlungsraumes, der Infrastruktur, der Kultur und Wirtschaft" setzt (Südwestfalen Agentur 2013). In diesem Zusammenhang wurde in Attendorn 2013 das "automotive center Südwestfalen" (acs) als Teil des REGIONALE-Projektes "Automotive Kompetenzregion" eröffnet. Ziel ist es, die angesprochenen Defizite bei Forschung und Entwicklung im Bereich der Automobilzulieferindustrie durch Kooperationen von Unternehmen und regionalen Hochschulen zu beheben und gleichzeitig neue Fachkräfte an die Region Südwestfalen bzw. den Wirtschaftsstandort Attendorn zu binden (Krajewski 2014, S. 12ff.).

Industrie- und Gewerbegebiete

Infolge des bedeutenden industriellen Aufschwungs nach dem Zweiten Weltkrieg entstand ein zunehmender Bedarf an neuen Gewerbeflächen zur Gründung oder Erweiterung von Industriebetrieben. Dieser Nachfrage begegnete die Stadt Attendorn seit den 1960er Jahren mit der Ausweisung neuer Industrie- und Gewerbegebiete bzw. -flächen. Nachdem vor allem Flächen im Biggetalbereich, die für gewerbliche Nutzungen zur Verfügung standen, belegt waren, wurde die recht ebene Kalkhochfläche südöstlich des Ortsteils Ennest als neues Gewerbegebiet entwickelt. In zwei Ausbaustufen wurden nach 1983 und 1998 mit den Industriegebieten "Ennest" und "Askay" insgesamt 80 ha neue Gewerbe- und Industrieflächen erschlossen, die bis zum Jahr 2007 vollständig vermarktet werden konnten (Stadt Attendorn 2014, S. 10).

Um den Erhalt und die Stärkung der Attendorner Wirtschaftskraft auch in Zukunft zu gewährleisten und neue Arbeitsplätze zu schaffen sowie bestehende zu sichern, soll – nachdem die vorhandenen rd. 207 ha Industrie- und Gewerbefläche ausgeschöpft sind – mit dem Gewerbegebiet "Fernholte" eine weitere rd. 30 ha große Nettobaufläche für Gewerbe- und Industriebetriebe bei Neu-Listernohl entwickelt werden (ebd., S. 14–15).

Legt man einen jährlichen Bedarf von 3,7 ha Nettobauland zugrunde, der sich aus der Status-Quo-Fortschreibung der Jahre 1997–2007 ergibt, und schreibt den Bedarf bis ins Jahr 2019 fort, ergibt sich ein Gesamtbedarf von ca. 45 ha Nettobauland. Es ist somit absehbar, dass über die neu zu erschließenden Flächen des Gewerbegebietes "Fernholte" hinaus in Zukunft weitere Gewerbeflächen bereitgestellt werden müss(t)en, um einen nachfragegerechten Markt an Industrie- und Gewerbeflächen zu gewährleisten und letztlich die Weiterentwicklung der Attendorner Wirtschaft zu sichern (ebd., S. 11ff.).

Fazit

Mittelpunkt der in einer wirtschaftlich gesunden Region gelegenen Stadt Attendorn bildet ein attraktiver historischer Altstadtkern mit hoher Aufenthaltsqualität. Hier sowie in den umliegenden Ortsteilen findet ein aktives bürgerschaftliches Leben statt. Das Mittelzentrum, das in eine waldreiche Mittelgebirgslandschaft mit hohem Freizeit- und Erholungswert eingebettet ist (s. Beitrag Krajewski), verfügt über eine leistungsfähige mittelständische Wirtschaft. Innerhalb des Kreises Olpe ist Attendorn mit über 13.000 Beschäftigten der bedeutendste Arbeitsplatzstandort, wobei nahezu zwei Drittel der Arbeitsplätze auf die mittelständische Industrie entfallen. Dieser auch weiterhin günstige Entwicklungsmöglichkeiten zu bieten, ist eine der Kernaufgaben für Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung. Zukünftig wird es für die Stadt Attendorn daher von Bedeutung sein, im Sinne einer nachhaltigen kommunalen Entwicklung ein Gleichgewicht zwischen ökonomischer Existenzsicherung und umweltschonender Kulturlandschaftsentwicklung zu wahren, um die Stadt für Einheimische wie Besucher langfristig lebenswert und attraktiv zu halten.

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Weiterführende Literatur/Quellen

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Erstveröffentlichung 2016