Dr. Oetker – die Aufspaltung des "Pudding-Königs"

16.03.2026 Rudolf Grothues

Inhalt

"Solange ich lebe, bleibt Oetker ein Familienunternehmen". Dieses war einer der Grundsätze, an denen Rudolf-August Oetker, einer der größten deutschen Familienunternehmer, immer festgehalten hat. Oetker, der im September 2006 seinen 90. Geburtstag feierte und am 16. Januar 2007 verstarb, hat den kleinen Backmittelhersteller zu einem weltweit operierenden Konzern, einem "Global Player", gemacht. Im Jahr 2021 wurde dieser Konzern aber aufgespalten, und zwar in den bekannteren Teil "Oetker-Gruppe" (Umsatz 2024: rd. 7,1 Mrd. Euro) und den etwas weniger präsenten Teil "Oetker-Collection" (2,6 Mrd. Euro) (Tab. 1).

Tab. 1: Oetker-Gruppe und Oetker-Collection: Kennzahlen 2024 (Quellen: oetker-gruppe.de; oetker-collection.com)

Angefangen hatte alles 1891 im Hinterstübchen einer Bielefelder Apotheke. Der promovierte Botaniker und Apotheker Dr. August Oetker entwickelte das Backpulver Backin. Zwar hatte zuvor schon der Chemiker Justus Liebig ein Backpulver erfunden, dieses war aber weder lagerfähig noch geschmacksneutral. Oetker gelang der Marketingerfolg vor allem durch seine Portionierung: Er füllte genau die Menge Backpulver in ein Tütchen, welche exakt für ein Pfund Mehl ausreichte. Damit konnte er – bei richtigem Mischungsverhältnis – garantieren, dass jeder Kuchen gelingt. Er versah das Produkt mit seinem Namen und entwickelte damit einen der ersten "Markenartikel" des Landes. Der Erfolg des Backpulvers Backin war enorm. Schon 1900 war die Backpulverproduktion von der Apotheke in ein Fabrikgebäude in Bielefeld verlegt worden. Als August Oetker 1918 starb, hinterließ er eines der bedeutendsten Unternehmen seiner Branche in Europa. Zu dieser Zeit arbeiteten schon über 600 Menschen in der Firma. 1920 übernahm Dr. Richard Kaselowsky, den die Witwe des Gründersohnes in zweiter Ehe geheiratet hatte, die Führung des Unternehmens. Kaselowsky setzte den Erfolg fort und weitete Produktion und Vertrieb weiter ins Ausland aus: In Frankreich, Polen, Belgien, Dänemark und Italien wurden Schwesterfirmen gegründet.

Rudolf-August Oetker, der Enkel des Firmengründers, übernahm die Unternehmensführung nach dem Tod von Kaselowsky im Jahr 1944 und begann schon kurz nach dem Krieg mit dem Wiederaufbau des Unternehmens.

Zahlreiche weitere Produkte aus dem Nahrungsmittelbereich kamen in das Sortiment. In den 1960er Jahren machte "Marie-Luise Haase" als Versuchsküchenleiterin die Dr. Oetker Versuchsküche mit zahlreichen Fernsehspots berühmt. Außerdem wurde das Sortiment durch Eis­creme erweitert. 1970 brachte die Firma die erste Tiefkühlpizza auf den Markt, nachdem immer mehr Tiefkühltruhen in den privaten Haushalten Einzug hielten. Unter dem Motto "Qualität ist das beste Rezept" erarbeitete sich das Unternehmen ein außergewöhnliches Kundenvertrauen.

1981 trat der heutige Geschäftsführer Dr. h. c. August Oetker, Urenkel des Firmengründers, in das Unternehmen ein. Unter seiner Führung wurde insbesondere die Internationalisierung des Nahrungsmittelgeschäftes unter dem Dach der Dr. Oetker GmbH vorangetrieben. 2010 übernahm sein Bruder Richard die Geschäftsführung, der Ende 2017 in den Beirat wechselte. Sein Nachfolger, Dr. Albert Christmann schied zum 1. Mai 2025 aus. Ihm folgte Carl Oetker, Ururenkel des Unternehmensgründers, als neuer persönlich haftender Gesellschafter der Dr. August Oetker KG und verantwortet seitdem die Bereiche Nahrungsmittel sowie Unternehmenskommunikation. Mit Dr. Niels Lorenz trat am 1. Mai 2025 ein weiteres Mitglied in die Gruppenleitung ein. Er übernahm von Dr. Albert Christmann die Verantwortung für die Bereiche Bier und alkoholfreie Getränke sowie Plattformen und Ökosysteme. In der neuen Gruppenleitung ist Ute Gerbaulet unverändert als persönlich haftende Gesellschafterin verantwortlich für die Ressorts Weitere Interessen, Finanzen, Konzernrechnungswesen, Recht und Steuern.

Nach dem Tod von Rudolf-August Oetker 2007 wurde das Vermögen auf acht Kinder aus drei Ehen verteilt, die aber teils unterschiedliche strategische Vorstellungen bezüglich der zukünftigen Unternehmensausrichtung hatten. Daher verwunderte es nicht, als im Juli 2021 bekannt gegeben wurde, dass der Konzern in zwei unabhängig voneinander tätige Gruppen aufgeteilt wird, die sich seit November 2021 wie folgt darstellen:

Oetker-Gruppe

Die Gesellschafterstämme von Richard Oetker, Rudolf Louis Schweizer, Philip Oetker, Markus von Luttitz und Ludwig Graf Douglas bleiben Inhaber der Dr. August Oetker KG sowie u.a. der Dr. August Oetker Nahrungsmittel KG, der Conditorei Coppenrath & Wiese KG, der Radeberger Gruppe KG mit ihren Getränkefachmärkten und  -großhandlungen sowie Plattform- und Liefermodellen (darunter flaschenpost SE), außerdem der Oetker Digital GmbH, der OEDIV Oetker Daten- und Informationsverarbeitung KG, der Brenner‘s Park Hotel GmbH in Baden-Baden und des Hôtel du Cap-Eden-Roc S.A.S. in Antibes sowie kleinerer Firmen wie der Roland Transport KG oder der Handelsgesellschaft Sparrenberg mbH. Das Bankhaus Lampe, eines der führenden Privatbankhäuser in Deutschland mit gut 600 Mitarbeitenden in 12 Niederlassungen, u.a. in London und New York, wurde im Oktober 2021 verkauft.

Im Nahrungsmittelbereich zählen dazu vor allem die bekannten Produkte aus der Dr. Oetker Backserie sowie Tiefkühlpizza und Conditorei Coppenrath & Wiese. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Getränkeherstellung. Mit der Radeberger Gruppe sowie Brau und Brunnen befinden sich zwei große Brauereigruppen unter dem Dach der RB Brauholding, die das Biergeschäft der Oetker-Gruppe leitet. Sie bieten Premiumbiere wie Radeberger und Jever, Bierspezialitäten wie Clausthaler und Schöfferhofer Weizen sowie bekannte Regionalmarken an. Dazu gesellt sich auch die Selters Mineralquelle und seit 2009 das alkoholfreie Erfrischungsgetränk Bionade. Das Unternehmen entwickelt sich auch weiterhin international. So konnte im Juli 2018 die erfolgreiche Übernahme des ägyptischen Marktführers für Backartikel und Desserts bekannt gegeben werden. Die Firma "Tag ElMelouk" beschäftigt an zwei Standorten rd. 400 Mitarbeitende.

Nach wie vor ist Dr. Oetker europäischer Marktführer bei Backartikeln, Backmischungen, Dessertprodukten und Pizzen. Rund 98% der Deutschen kennen der Namen "Dr. Oetker".

Am Hauptsitz in Bielefeld beschäftigt die Dr. Oetker GmbH rd. 3.000 Menschen, dazu kommen 16.000 Beschäftigte in ganz Deutschland und weitere 10.000 Mitarbeitende weltweit. Insgesamt gibt es rd. 300 Produktions- und Vertriebsgesellschaften, die ca. 3.500 verschiedene Produkte herstellen und vertreiben.

Oetker-Collection

Die Gesellschafterstämme Dr. Alfred Oetker, Carl Ferdinand Oetker sowie Julia Johanna Oetker haben 2021 über ihre Holdinggesellschaft, der Geschwister Oetker Beteiligungen KG, die alleinige Inhaberschaft u.a. über die Henkell Freixenet Sektkellerei KG, eines der führenden Sekthäuser in Mitteleuropa, übernommen. Hierzu wiederum zählen bekannte Unternehmen wie die Deinhard KG, die Fürst von Metternich Sektkellerei GmbH, die Gorbatschow Wodka KG sowie der Kräuterlikör "Kümmerling".

Zu der im Juni 2024 in die "Oetker Collection" umbenannte Holding (ebenfalls mit Sitz in Bielefeld), gehören heute ferner die Martin Braun Backmittel und Essenzen KG, die Chemische Fabrik Budenheim KG, Columbus Properties, Inc., eine Immobilienverwaltung in den USA, die Oetker Hotel Management Company GmbH mit elf Luxushotels, davon das Hôtel Le Bristol in Paris und das Château du Domaine St. Martin in Vence (ebenfalls Frankreich), darüber hinaus die Start-Up-Beteiligung Vierte Oetker Ventures GmbH, die Kunstsammlung Rudolf August Oetker GmbH und weitere Vermögensgegenstände.

Abb. 1: Die Oetker-Erlebniswelt am Stammsitz in Bielefeld zeigt die 130-jährige Unternehmensgeschichte (Foto: Dr. August Oetker KG)

Soziale und kulturelle Verantwortung

Mit besonderer Sorgfalt widmen sich beide Konzerne dem Personalbereich, um Beschäftigung dauerhaft zu sichern und Mitarbeitende langfristig zu binden. Langjährige Betriebszugehörigkeiten unterstreichen die hohe Identifikation mit den Unternehmen, welche nicht nur berufliche Perspektiven, sondern auch vielfältige Sozialleistungen bieten.

Auch außerbetrieblich wird Verantwortung für soziale und kulturelle Angelegenheiten übernommen. Zwei Stiftungen dienen gemeinnützigen Zielen: Die Rudolf August Oetker Stiftung unterstützt Projekte in Kultur, Kunst, Wissenschaft und Umwelt, während sich die Ida und Richard Kaselowsky Stiftung sozialen bzw. wohltätigen Zwecken widmet. Die Familie Oetker stiftete die im Jahr 1930 erbaute Rudolf-Oetker Halle und finanzierte maßgeblich den Bau der 1968 eröffneten Bielefelder Kunsthalle, die sich mit Ausstellungen zur modernen und zeitgenössischen Kunst einen Namen gemacht hat.

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Weiterführende Literatur/Quellen

  • Die Glocke (2006): Oetker-Gruppe mit Rekordumsatz. (Ausgabe vom 28.06.2006)    
  • Die Glocke (2006): Pudding-König baute Formen-Imperium auf. (Ausgabe vom 20.09.2006)    
  • Die Glocke (2025): Geschwister Oetker geben Firma neuen Namen. (Ausgabe vom 27.06.2025)
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (o.J.): Unternehmen, Marke, Produkte. Bielefeld (Broschüre)    
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2006): Konzern-Geschäftsbericht 2005. Bielefeld    
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2012): Konzern-Geschäftsbericht 2011. Bielefeld    
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2013): Konzern-Geschäftsbericht 2013. Bielefeld
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2018): Konzern-Geschäftsbericht 2017. Bielefeld
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2021): Verkauf von Bankhaus Lampe an Hauck & Aufhäuser abgeschlossen. (Pressemitteilung vom 01.10.2021)
    (https://www.oetker-gruppe.de/assets/hygraph/cmf3y8bdb01j208w3dhix9c3v/uW3BJSseQ6ScIN6Zvdda)
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2021): Teilung der Oetker-Gruppe vollzogen. (Pressemitteilung vom 02.11.2021)
    (https://www.oetker-gruppe.de/assets/hygraph/cmkcgfs3f01yj07uqdr9e0ru5/GeZjO1qTUuOKIqArLiT4)
  • Dr. August Oetker KG (Hg.) (2025): Veränderungen in der Leitung der Oetker-Gruppe.
    (Pressemitteilung vom 14.03.2025)
    (https://www.oetker-gruppe.de/assets/hygraph/cmkcgfs3f01yj07uqdr9e0ru5/cm88mtpbttnd607w4k97y60ec)
  • Grothues, R. (2018): Dr. Oetker: "Der Pudding-König" aus Westfalen.
    (https://www.westfalen-regional.de/media/filer_public/9e/ea/9eea8dde-0935-498d-a3eb-24b3bdd8f94d/s174_oetker_neu.pdf)
  • https://oetker-collection.com
  • https://www.oetker.de    
  • https://www.oetker-gruppe.de

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Erstveröffentlichung 2007, letzte Aktualisierung 2026