Verl als Zentrum der Küchenmöbelindustrie: Das Unternehmen nobilia

26.08.2022 Rudolf Grothues

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Europas größter Küchenhersteller kommt aus einem ostwestfälischen Mittelzentrum, der Stadt Verl im Kreis Gütersloh. Seit über 75 Jahren produziert die Firma nobilia an mehreren Standorten im Kreisgebiet Küchen.

Ostwestfalen – Zentrum der Möbelbranche

Insgesamt gilt Ostwestfalen (OWL) als Schwerpunkt der Möbelindustrie. An der alten West-Ost-Handelsachse, entlang der heutigen A2, und der Weser als Transportweg stand immer schon viel Holz aus den umliegenden Wäldern zur Verfügung, zudem gab es ausreichend Arbeitskräfte aus der Landwirtschaft, die einen Nebenjob suchten. Heute besitzt OWL am Möbelumsatz in Deutschland einen Anteil von gut einem Viertel, in NRW sogar drei Viertel. Rd. 70% aller Umsätze bei Küchenmöbeln in Deutschland werden in OWL generiert.

Abb. 1: Zahlen der Mitarbeitenden bei nobilia 2012–2021 (Quelle: nobilia-Werke 2022, S. 50, verändert)

Unternehmerisches Schwer­gewicht: nobilia

2021 machte das Unternehmen nobilia 1,48 Mrd. Euro Umsatz, immerhin 8,2% mehr als im Vorjahr. Etwas mehr als die Hälfte davon, nämlich 786,6 Mio. Euro, wurden im Ausland generiert (19,4% mehr als 2020). 695,5 Mio. Euro wurden in Deutschland umgesetzt. Das waren 2,2% weniger als im Vorjahr, was allerdings durch die Schließung zahlreicher Möbelhäuser aufgrund der Corona-Pandemie zu erklären ist.

In Deutschland liegt der Marktanteil des Unternehmens bei rd. 30%. Der Hauptabsatzmarkt im Ausland ist Frankreich, das vor allem aus dem 2021 eröffneten Zweigwerk im saarländischen Saarlouis beliefert wird. Es folgen die Absatzländer Belgien, Österreich und Niederlande. Dahinter rangiert bereits China, wo nobilia ganze neue Häuserblöcke mit Küchen, aber auch Bäder und Vorratsräume ausstattet. Insgesamt liefert nobilia in 90 Länder weltweit.

Abb. 2: Umsatzentwicklung bei nobilia 2012–2021 (Quelle: nobilia-Werke 2022, S. 16, verändert)

2021 lag der Gesamtumsatz der deutschen Küchenmöbelindustrie bei 5,7 Mrd. Euro. Im Durchschnitt gaben die Verbraucher 10.337 Euro für eine neue Küche aus, 2020 waren es lediglich 9.678 Euro. nobilia gilt dabei als relativ günstiger Qualitätsstandard. Im Preissegment von 6.000 Euro bis 8.000 Euro besitzt nobilia einen Marktanteil in Deutschland von 50%.

Außer in Verl und Saarlouis existiert noch ein Werk in Gütersloh. Im Jahr 2021 wurden in allen Werken rd. 3.800 Küchen produziert, und zwar jeden Tag; das sind 830.000 Küchen im Jahr mit 8,3 Mio. Schränken und 1,75 Mio. Arbeitsplatten. Zum Jahresende 2021 wurden 4.273 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt, 328 mehr als im Vorjahr.

(Quelle: nobilia-Werke 2022, S. 68)

Von der Schreinerei zur Massenfertigung

Begonnen hat alles im Jahr 1945 im gütersloher Stadtteil Avenwedde, als die Brüder Johann Stickling (Tischlermeister) und Willy Stickling (Kaufmann) eine Schreinerei gründeten. Zunächst produzierten sie mit sieben Mitarbeitenden Nähschränke und Kleinmöbel.

1956 kam es zur Trennung der beiden Brüder: Während Willy Stickling in einem zuvor errichteten Zweigwerk in Avenwedde Wohnmöbel unter der Marke Wista produzierte, führte Johann Stickling die Ursprungsfirma weiter, ab 1961 unterstützt vom Sohn Heinz und ab 1967 – mittlerweile als "nobilia-Werke J. Stickling GmbH & Co. KG" – vom Sohn Werner Stickling. Die Zahl der Mitarbeitenden stieg auf 145 an. Ein knappes Vierteljahrhundert nach der Gründung verlagerte das Unternehmen seinen Produktionsschwerpunkt zunehmend auf Einbauküchen.

1970 übernahmen die beiden Söhne die Firma, es entstand auf einem 51.000 m2 großen Gelände in Verl-Sürenheide ein neues Werk mit einer Produktionsfläche von zunächst 7.000 m2. Ein weiteres Werk entstand 1976 in Verl-Kaunitz. Auf 8.000 m2 fertigten rd. 80 Beschäftigte ein umfangreiches Wohnwand- und Anbauprogramm. 1985 wurde der allererste Standort in Avenwedde aufgegeben und 1989 die Wohnmöbelproduktion komplett eingestellt, nobilia konzentrierte sich ausschließlich auf die Küchen-Fertigung.

1994 erreichten rund 1.300 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auf einer Produktionsfläche von 85.000 m2 einen Umsatzrekord von damals 680 Mio. DM. Täglich verließen rund 1.000 Küchen das Werk. Ein Jahr später wuchs die Produktionsfläche in Verl-Sürenheide auf 105.000 m2, und im darauffolgenden Jahr wechselten die beiden Brüder Stickling aus dem operativen Geschäft in den zuvor neu gegründeten Beirat. 1999 verstarb Heinz Stickling an den Folgen eines Unfalls.

Nach zwei Hochregallagern wurde 2006 ein zweites Werk in Verl-Kaunitz mit 50.000 m2  Produktionsfläche in Betrieb genommen und auf Anhieb 145 neue Arbeitsplätze geschaffen, 2011 arbeiteten schon 500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter an dem Standort.

2012 verließen täglich 2.500 Küchen die insgesamt 215.000 m2 großen Produktionshallen und wurden durch 135 eigene Lkw direkt zum Kunden geliefert. Das Verwaltungsgebäude in Verl-Sürenheide wurde um eine Etage aufgestockt und die Bürofläche nochmals um rund 2.500 m2 erweitert.

Abb. 3: nobilia Fertigungshalle (Quelle: nobilia-Werke 2022, S. 58)

Mit der Inbetriebnahme des Hochregallagers im Werk II in Kaunitz 2014 war die nächste Ausbaustufe erreicht. Mit einer Typenleistung von mehr als 10.000 Schränken pro Tag konnten die Stückzahlen erheblich gesteigert werden.

Im 70. Jahr seiner Firmengeschichte erzielte nobilia mit 1,02 Mrd. Euro einen neuen Umsatzrekord und wuchs damit im 15. Jahr in Folge.

Mittlerweile produziert die Firma zusätzlich Bad- und Regalmöbel – eine Diversifizierung, die sich möglicherweise bei der derzeit sinkenden Nachfrage nach neuen Küchen aufgrund des allgemeinen Rückgangs der Neubautätigkeiten auszahlen könnte.

Ende 2021 konnte nobilia ein spektakuläres Bauwerk freigeben: eine betriebseigene Autobahnbrücke über die A2, die jetzt die Werke I und III miteinander verbindet und damit vor allem die umliegenden Wohngebiete vom Lkw-Werksverkehr entlastet.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2022