NRW-Klimakommunen der Zukunft – das Beispiel Bocholt

23.11.2015 Melanie Schulte

weitere Autorin: Carola Bischoff

Inhalt

Der Klimawandel in der Stadt

Seit den 1950er Jahren ist der Anteil der in Städten lebenden Bevölkerung weltweit von ca. 29% auf 50% enorm angestiegen (UN 2006). Viele (allerdings eher Westfalen ferne) Städte liegen in sog. Hochrisikozonen und sind besonders durch Naturgewalten wie Starkregen und Hochwasser, orkanartigen Stürmen oder Hitzeperioden betroffen. Auf der einen Seite tragen Städte durch einen hohen Anteil an den Gesamtemissionen zum Klimawandel bei, auf der anderen Seite sind sie jedoch auch wesentlich von den Folgen des Wandels betroffen. Aus diesem Grund spielen besonders Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien und -maßnahmen eine wichtige Rolle auf der kommunalen Ebene (PIK 2009, S. 243–244).

Strategien im Umgang mit dem Klimawandel

In der Praxis existieren zwei Strategien im Umgang mit dem Klimawandel, um auf die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt mit Gegenmaßnahmen zu reagieren: Der Klimaschutz und die Anpassung an die Folgen des Klimawandels.

Im Sinne des Klimaschutzes sollen "[...] weitere anthropogene Klimaänderungen durch Verringerung von Treibhausgasemissionen vermieden und Erhalt oder Schaffung von Kohlenstoffsenken" erreicht werden (Bornefeld et al. 2006, S. 162). Ziel des Klimaschutzes ist es, durch raumbezogene Planungsentscheidungen eine günstige Raum- und Siedlungsstruktur zu erreichen. Mögliche Strategien sind hierbei die Verringerung des Flächenverbrauchs (s. Beitrag Rohleder), die Verkehrsvermeidung, der Freiraumschutz oder andere spezifische Entwicklungen von CO2-freien oder -einsparenden Technologien. Der Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland, z.B. durch die finanzielle Förderung von Solarstrom, spielt in diesem Zusammenhang ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Bereich des Klimaschutzes wird demnach häufig durch (inter)nationale politische Entscheidungen, wie der Beschlussdes Kyoto-Protokolls, oder einer klimafreundlichen Energiepolitik auf nationaler Ebene maßgeblich beeinflusst (Gehlen 2010, S. 34f.).

Die Anpassung an den Klimaschutz verfolgt den "[...] Schutz der Gesellschaft vor Klimawirkungen und die Verringerung der gesellschaftlichen Verwundbarkeit" (Fleischhauer et al. 2006, S. 162). In der politischen Diskussion standen in der Vergangenheit vermehrt Klimaschutzkonzepte im Vordergrund, die entsprechend gefördert und umgesetzt worden sind. Im Bereich der Klimaanpassung hingegen gibt es noch Nachholbedarf. Ein Problem ergibt sich daraus, dass bereits heute Anpassungsmaßnahmen initiiert werden müssen, die aber erst zukünftige Veränderungen betreffen und diesen entgegen wirken. Dennoch ist die Entwicklung von geeigneten Maßnahmen zur Adaption an den Klimawandel und an extreme Wetterereignisse ein unverzichtbarer Bestandteil nachhaltiger Entwicklung.

So entstehen besonders in Kernstädten und Agglomerationsräumen – bedingt durch höhere Temperaturen – sog. Hitzeinseln, denen man gezielt mit der Freihaltung von Flächen und dadurch resultierenden Frischluftschneisen städtebaulich entgegen wirken kann, um somit das Stadtklima positiv zu beeinflussen. Ebenso ist mit der Zunahme von Extremwetterlagen zu rechnen, sodass besonders der Hochwasserschutz als Anpassungsmöglichkeit an den Klimawandel an Aktualität gewinnt (PIK 2009, S. 247f.; Fleischhauer et al. 2006, S. 165ff.).

Klimawandel in NRW: Der Wettbewerb: Aktion Klimaplus – NRW-Klimakommunen der Zukunft

Im Gegensatz zu städtischen Ballungsräumen sind kleine ländliche Kommunen in Deutschland oft kaum auf die Herausforderungen des Klimawandels vorbereitet. Aus diesem Grund hat das Umweltministerium in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2008 beschlossen, den Wettbewerb "Aktion Klimaplus – NRW-Klimakommunen der Zukunft" ins Leben zu rufen. Dabei gilt es, eine Modellkommune im ländlichen Raum zu fördern, die ihrerseits konkrete Maßnahmen und Strategien im Umgang mit dem Klimawandel entwickelt, und so wiederum anderen Kommunen als Vorbild dient. Quantitativ messbare Ergebnisse stehen weniger im Mittelpunkt, vielmehr geht es darum, den Klimaschutz und die Klimaanpassungsstrategien direkt in die Praxis zu übertragen.

Insgesamt bewarben sich für den Wettbewerb NRW-weit 59 ländliche Kommunen. Eine unabhängige Jury, u.a. aus Vertretern der Architekten- und der Handwerkskammer, der Verbraucherzentrale sowie des Städte- und Gemeindebundes, wählte anschließend hieraus fünf Kommunen für die Finalrunde aus. Aufgrund ihrer Kurzbewerbungen, die nach Kriterien wie Realisierbarkeit, innovativer Charakter und langfristige Ausrichtung bewertet wurden, konnten die westfälischen Städte und Gemeinden Burbach, Bocholt, Rheine, Saerbeck und Schmallenberg als Finalteilnehmer präsentiert werden. Diese hatten nun die Aufgabe, jeweils ein sog. Integriertes Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept (IKKK) zu entwickeln. Basierend auf diesen IKKK wurden die Kommunen Bocholt (Kreis Borken) und Saerbeck (Kreis Steinfurt, s. Beitrag Lievenbrück) als Sieger gekürt, die sich von nun an "NRW-Klimakommune der Zukunft" nennen dürfen (MUNLV 2008; Gehlen 2010, S. 41ff.).

Abb. 1: Fachbereichsleiter Reinhold Wilke, NRW-Minister Johannes Remmel, Stadtbaurat Ulrich Paßlick und Bürgermeister Peter Nebelo (v.l.) bei der Einweihung des Radschnellwegs in Bocholt-Löverick (März 2011) (Foto: www.bocholt.de)

Das Integrierte Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzept der Siegerkommune Bocholt

Unter dem Leitbild "Energieautonomes und nachhaltiges Bocholt – Triebfeder für eine anpassungsfähige Region" ließen sich die Klimaschutz- und Klimaanpassungsstrategien der Stadt Bocholt in einem ersten großen Ansatz zusammenfassen (Stadt Bocholt 2008). Die drei Handlungsfelder "Mehr Energieeffizienz", "Mehr klimafreundliche Mobilität" und "Sicherung des Lebenswerts in einem geschützten Stadt- und Landschaftsraum" standen und stehen im Vordergrund und werden auch in der Fortschreibung des IKKK (e&u energiebüro GmbH 2013) weiter verfolgt. Durch bereits vorhandene Netzwerke sah sich die Stadt Bocholt zudem als Vorbild für die LEADER-Region "Bocholter Aa" und konnte auch Synergieeffekte für die 2016 stattfindende Regionale "ZukunftsLAND" im Westmünsterland erzielen und nutzen.

Elf sowohl qualitative als auch quantitative Leitziele, aufbauend auf den Zielen der "NRW-Klimakommune" 2008, wurden im IKKK 2013 (e&u energiebüro GmbH 2013, S. 6–7) formuliert. So sollen z.B. die örtlichen CO2-Emmission bis 2020 um 20% gegenüber 2011 gesenkt werden, bis 2030 wird eine Senkung um 30% angestrebt. Hier wurden vor Ort in den letzten Jahren bereits gute Erfolge erzielt und der NRW-Durchschnittswert von jährlich knapp 10 t pro Einwohner mit 8,83 t pro Einwohner in Bocholt deutlich unterschritten. Da die Emissionen sich über alle Verbrauchssektoren (Wirtschaft: 47,2%, Verkehr: 28,3%, Haushalte: 23,4%) verteilen, hat es sich in Bocholt bewährt, Reduzierungsmaßnahmen breit anzulegen, um in allen Wirtschafts- und Bevölkerungsgruppen gleichermaßen wirken zu können (ebd., S. 12). Gerade in der Steigerung des Radverkehrsanteils auf 50% liegen weitere Potenziale, die tatsächlich mit einem realen 35%-Anteil bereits eine hohe Akzeptanz gefunden haben. Im Jahr 2011 weihte NRW-Klimaschutzminister Johannes Remmel den ersten Abschnitt eines neuen Schnellradweges ein und eröffnete die erste Fahrradmesse in Bocholt im Rahmen der "Aktion KlimaPlus" (Abb. 1).

Neben einer Senkung des Strombedarfs und des Energiebedarfs für Wärmenutzungen stehen auch eine Anteilserhöhung der örtlichen erneuerbaren Energien auf 30% bis 2020 im Fokus, so dass im Jahr 2020 der gesamte Haushaltsstrom von Bocholt durch erneuerbare Energien gedeckt werden würde. Hierzu trägt auch eine Steigerung des Anteils der Kraft-Wärme-Kopplung bei (ebd., S. 6).

Effizienzsteigerung und Klimaschutz in Unternehmen sind wichtige Bausteine der Bocholter Wirtschaftsförderung, die zu einer freiwilligen Reduzierung der CO2-Emissionen im Gewerbe anregen. Wärmedämmung älterer Gebäude ist hier ein ganz konkreter Maßnahmenbaustein, der sich als Arbeitsplatzeffekt bereits positiv niedergeschlagen hat, aber auch die Tätigkeitsfelder von Energieberatung und Gutachten für Förderanträge bieten Arbeitsplätze.

Die Partizipation und Einbeziehung in Aktivitäten der Bürgerinnen und Bürger sowie Bocholter Kooperationspartner der "NRW-Klimakommune" sind ein weiteres wichtiges Leitziel. Eine im Jahr 2014 erstellte Broschüre der Stadt Bocholt stellt alle 25 Klimaprojekte vor. Der Schutz der Bevölkerung vor Extremereignissen und der Erhalt der Lebensqualität unter veränderten klimatischen Bedingungen zählen ebenso dazu wie die Reduzierung der Verwundbarkeit von Infrastruktur, Gebäuden und Landwirtschaft gegenüber den Folgen des Klimawandels.

Als elftes, besonders naturnahes Leitziel soll die Vielfalt der natürlichen Lebensgrundlagen erhalten sowie die Artenvielfalt unter veränderten klimatischen Bedingungen gesichert werden.

Für die Stadt Bocholt ergeben sich daraus zahlreiche koordinierende und planerische Aufgaben, die durch die Stellenschaffung eines Klimaschutzmanagers (seit Ende 2014) und den Aufbau eines Controlling-Systems einen organisatorischen Rahmen bekommen haben.

Die drei Handlungsfelder Energieeffizienz und -einsparung, umweltfreundliche Nahmobilität sowie lebenswerter Stadtraum wurden somit durch konkrete Projekte lebendig.

Fazit

Die im Rahmen des Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes aufgestellten Leitprojekte sind auch auf andere Kommunen übertragbar, denn die Themen "Energieeinsparung" sowie "CO2-Reduzierung durch Nutzung erneuerbarer Energien" sind gerade zum jetzigen Zeitpunkt in der Diskussion um die deutsche Energiepolitik aktueller denn je. Die NRW-Klimakommunen können und sollen für andere Städte als Vorbild dienen, aber letztlich ist eine individuelle Erarbeitung eines Integrierten Klimaschutz- und Klimaanpassungskonzeptes – auf Grundlage der jeweiligen städtischen Situation – für jede einzelne Kommune unabdingbar.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2012, Aktualisierung 2015