Klettern in Westfalen

01.01.2010 Carola Bischoff

weiterer Autor: Philipp Küsters

Inhalt

Klettern liegt im Trend

Der Klettersport entwickelte sich in den letzten Jahren immer weiter zur Trendsportart. Sowohl im Outdoor- als auch im Indoorbereich kann man diesen Sport auch in Westfalen ausprobieren und sich am Erklimmen von Wänden mit unterschiedlicher Schwierigkeit versuchen. Laut Harder (1987) ist Klettern "...das Auf- und Abwärtsbewegen in felsigem Gelände, wozu neben den Beinen auch die Hände zur Erhaltung des Gleichgewichts und der Fortbewegung verwendet werden".

Definitorisch lassen sich das Felsklettern in der Natur und das Hallenklettern an einer künstlichen Kletterwand unterscheiden. Das Klettern über bzw. mittels Seilen - z. B. in (Hoch-) Seilgärten - wird im Folgenden nicht thematisiert.

Viele Möglichkeiten bietet das Felsklettern, bei dem die natürliche Umgebung die Herausforderung dieser anscheinend jungen Sportart darstellt. Ob Freiklettern (Sicherung durch Seile und Haken), Bouldern (Klettern einzelner Schwierigkeiten bis in eine Höhe von ca. drei m) oder das gefährliche Free-Soloklettern (Klettern ohne jegliche Sicherung) - der Sport steht für die Verbindung zwischen Konzentration, Technik, Kraft und Eleganz. Hinzu kommt, dass der Klettersport in seiner langen Tradition immer als eine Art Nischensport mit teils eigener Lebensphilosophie gesehen wurde.

Abb. 1: Klettergebiete in Deutschland (Quellen: Blumenschein 2004, www.klettergebiete.info)

Historische Einordnung und Nachfrageerwartung

Die Geburtsstunde des Felskletterns wird in das Jahr 1865 datiert, als der letzte unbestiegene Gipfel der Alpen, das Matterhorn, durch die Briten erklommen werden konnte. Kurze Zeit später erreichte das Felsklettern Deutschland. Hierbei stellte sich das Elbsandsteingebirge in Sachsen als ideales Klettergebiet heraus. Noch bis heute kann man dort die meisten Kletterrouten des Landes finden.

Nachdem das technische Klettern mit Seilen, Haken und anderen Hilfsmitteln in den relativ wenigen attraktiven Felswänden in Deutschland mangels sportlichen Herausforderungen stag­nierte, löste in den USA das Freiklettern einen Boom aus, der in den 1970er Jahren Europa erreichte. Seitdem sind stetig wachsende Zahlen von aktiven Kletterern zu verzeichnen. Waren es im Jahr 1970 noch 40.000 aktive Kletterer in Deutschland, so prognostiziert man bis heute (2010) einen Anstieg dieser Zahl auf insgesamt rund 440.000. Vor allem die 19 bis 30-Jährigen, mit einem Anteil von über 50%, sind als stärkste Gruppe vertreten.

Koordiniert wird der Klettersport in Deutschland vom Deutschen Alpenverein e.V. (DAV). Der DAV ist die größte Bergsteigervereinigung der Welt und wird in 354 rechtlich selbstständige Sektionen unterteilt. Für alle Regionen des Landes ist eine Sektion zuständig, die auch als Ansprechpartner in Sachen Klettern zur Verfügung steht. Aktuell sind beispielhaft 3.405 Mitglieder in der Sektion Münster/Westfalen vertreten, die vor allem auf Familiengruppen, Jugendgruppen, Klettergruppen, Touren und Wandergruppen ausgerichtet ist. Insgesamt beläuft sich die Mitgliederzahl in Deutschland auf rund 750.000 Personen. Die rund 250 Klettergebiete liegen in Deutschland vor allem in den Mittelgebirgslagen und am Alpenrand (Abb. 1).

Kletterhallen in Westfalen

Die massiv steigenden Zahlen aktiver Kletterer sind zum Teil auch der Eröffnung von inzwischen neun Kletterhallen (Stand 2009, Abb. 2) seit den 1970er Jahren zu verdanken. Unter der Leitung von erfahrenen Kletterern kann man dort das sichere und technisch saubere Klettern erlernen. Die Angebote befriedigen vom Schnupperkletterer bis zum anspruchsvollen Sportler eine breite Interessentengruppe. Die größten Anlagen verfügen je über mehr als 2.000 m2 Kletterflächen im Indoorbereich (Bergwerk/Dortmund, Neoliet/Bochum), die typischer Weise von 90 – 250 m2 großen Boulderflächen ergänzt werden (Activita/Hamm, KletterMax/Dortmund, BigWall Kletterzentrum Münsterland/Ahlen und Senden, High Hill/Münster). Spezialanbieter für Bouldern (Freeclimber/Dortmund) oder Freeclimbing (Ars Vivendi/Dortmund) sind hingegen selten. Ein besonderer Reiz geht von den Outdoorbereichen aus. Als besondere Form der Nachnutzung kann man in Ahlen, Bochum und Dortmund in aufgegebenen Zechengebäuden bzw. sogar in einem ehemaligen Bewetterungsschacht im Dunkeln klettern.

Abb. 2: Kletterhallen und Felsklettern in Westfalen (Stand 2009) (Quellen: Steinacker 2008, www.kletterhallen.net)

Felsklettern in Westfalen

Einige Gebiete, die sich zum Felsklettern eignen, befinden sich im Teutoburger Wald: so vor allem die Dörenther Klippen bei Ibbenbüren mit ca. 160 Routen bis in 20 m Höhe sowie der Halleluja-Steinbruch bei Bielefeld mit 50 Routen bis in 12 m Höhe (Abb. 2). Darüber hinaus liegen zahlreiche interessante Felsen im Sauerland, jedoch sind viele von ihnen mit Hinweis auf ihre Lage in einem Naturschutzgebiet für den Klettersport gesperrt; die bekanntesten sind das Hönnetal bei Menden/Iserlohn und die Bruchhauser Steine südlich von Brilon. Eine uneingeschränkte Nutzung hingegen besteht im Steinbruch Isenberg bei Hattingen. Er wurde 1976 vom Deutschen Alpenverein/Sektion Essen übernommen und seitdem als Naturklettergarten betreut. Erst seit wenigen Jahren ist der Steinbruch Steinschab bei Hallenberg im Hochsauerland (Abb. 3), der im Jahr 2006 für das Klettern auf den schrägen Grauwackebänken freigegeben wurde, ein neues Ziel im mittleren Schwierigkeitsbereich. Auch dieses Gebiet steht unter Naturschutz, doch konnte ein Nutzungskompromiss gefunden werden, so dass die Felsköpfe und die Randbereiche nicht betreten werden, während der Mittelteil genutzt werden kann.

Vom Nutzungskonflikt zur Win-Win-Situation: Kletterarena Sauerland

Mit Rücksicht auf Flora und Fauna sind viele Felsen in Deutschland im Zuge der Ausweitung der Naturschutzgebiete gerade in den 1970er Jahren für den Klettersport gesperrt worden. Die physische Zerstörung der Felsen u. a. durch Kletterhilfsmittel, die Störung der Vogelbrutphase, Trittschäden an der sensiblen Felsflora sowie die immerwährende Müllproblematik sind häufige Kritikpunkte an den Sportkletterern. Oftmals stehen bis heute die unterschiedlichen Interessen der Menschen unvereinbar gegenüber.
Abb. 3: Klettern auf dem Steinschab bei Hallenberg im Sauerland (Quelle: www.dav-info.de)

Ein positives Beispiel, das auf mehrjährigen Verhandlungen und intensiver Überzeugungsarbeit basiert, wurde im Jahr 2008 realisiert. Erstmalig konnte die Rahmenvereinbarung "Klettern und Naturschutz in NRW", an der sich der Landesverband NRW des Deutschen Alpenvereins und die IG Klettern NRW sowie die Behörden und die Eigentümer der Flächen beteiligten, in fünf neuen Gebieten im Sauerland umgesetzt werden. Die leidigen Einzelverhandlungen um jedes einzelne Felsareal zwischen Städten und Gemeinden, den Unteren Landschaftsbehörden, den Eigentümern und allen weiteren Beteiligten wurden durch regionale Konzeptionen der Bergsportverbände ersetzt. Ziel dieser Kommunal- und Kreis-Kletterkonzeptionen ist es, im Rahmen einer NRW-weiten Felserfassung detailliert darzustellen, unter welchen Bedingungen an be­stimmten Felsen naturverträgliches Klettern ausgeübt werden kann.

Ausgewählt wurden fünf neue Gebiete im Sauerland, die hinsichtlich ihrer naturschutzfachlichen Sensibilität als auch ihrer Eignung zum Klettern untersucht wurden; sie werden künftig als "Kletterarena Sauerland" (Abb. 2) vermarktet. Hierbei handelt es sich um den Hillenberg bei Warstein, den Steinbruch "Am Bähnchen" in Bestwig, den Kapplerstein bei Aue-Wingeshausen, den Steinbruch in Neuastenberg sowie die Borghauser Wand bei Borghausen im Lennetal.

Auf Grundlage der mit den Behörden abgestimmten Felsabschnitte konnten für das Frühjahr 2009 bereits 15 – 20 Routen am 55 m hohen Hillenberg eingerichtet werden. Diesem Gebiet wird ein besonders hohes Potenzial für breite Bevölkerungsgruppen zugesprochen, so dass ein zukünftiges "Kletterzentrum NRW" hier seinen Ursprung finden könnte. Die laufenden Vorbereitungsarbeiten an den übrigen Felsen umfassen Freistellungsarbeiten, Wegebau und Müllbeseitigung sowie Felssicherungs- und Routeneinrichtungsarbeiten. Speziell in Neuastenberg konnten durch die Entfernung von Gebüsch und Bäumen größere Entwicklungspotenziale für felstypische Kleinklimate geschaffen werden.

Auf Basis der bisherigen Erfahrungen hofft man, in absehbarer Zukunft vielfältige, attraktive und wohnortnahe Klettergebiete wieder zurück zu gewinnen bzw. neu zu erschließen. Die Einbindung der Kletterer in die Bewertung und Pflege der Felsabschnitte besitzt einen erheblichen pädagogischen As­pekt - gerade in der Jugendarbeit - und verbindet Abenteuerlust und Vertiefung naturschützerischen Wissens.

Problematischer bleibt hingegen die Einbindung nichtorganisierter Sportler. Durch offene Informationen wie Schautafeln, Infobroschüren und Internet sollen sie mit einem Verhaltenscodex in den Kletterregionen vertraut gemacht werden.

Beitrag als PDF-Datei ansehen/speichern (Größe: < 1 MB)

⇑ Zum Seitenanfang


Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2009, Aktualisierung 2010