Bertelsmann: Medien, Dienstleistungen und Bildung aus Gütersloh

18.05.2022 Rudolf Grothues

Das Geschäftsjahr 2021 war für Bertelsmann aus dem ostwestfälischen Gütersloh das erfolgreichste Jahr in der 187-jährigen Geschichte des Medien- und Dienstleistungsunternehmens. Bei einem Umsatz von 18,7 Mrd. Euro konnte ein Gewinn von 2,3 Mrd. Euro (inkl. Firmenverkäufe) verbucht werden. Den höchsten Umsatz- und Ergebnisanteil trug die RTL-Gruppe bei, bei der sich die Erlöse durch Werbeeinnahmen deutlich erhöht haben. 2021 waren weltweit rd. 145.000 Menschen in dem Konzern beschäftigt. Den größten Zuwachs an Mitarbeitenden der letzten Jahre verbuchte der Callcenter-Betreiber Majorel, an dem Bertelsmann in Form des Unternehmensbereichs Arvato mit 40% beteiligt ist.

Der Konzern begann klein und bescheiden in der westfälischen Provinz: Der Drucker Carl Bertelsmann aus Bielefeld gründete 1835 in Gütersloh in einem Fachwerkhaus einen Verlag mit angeschlossener Druckerei. Er integrierte sich in das pietistisch-protestantische Milieu der Kleinstadt. So hieß denn auch der erste "Bestseller" des kleinen Verlages "Die kleine Missionsharfe". Die Ausrichtung auf erbaulich-religiöse Literatur blieb erhalten, als die Enkelin des Gründers 1881 Johannes Mohn heiratete. Erst unter dessen Sohn Heinrich Mohn wurde das Publikationsspektrum um Belletristik erweitert. Den ersten Quantensprung machte das Unternehmen, als Reinhard Mohn 1947 den Verlag übernahm und 1950 den Bertelsmann Lesering gründete. Dieser für Europa neuartige Buchclub entwickelte sich sehr rasch und hatte 1954 bereits 1 Mio. Mitglieder. Die hohe Mitgliederzahl und der sichere Absatz ermöglichten den Bau einer großen Druckerei. 1992 wurden 6 Mio. Mitglieder gezählt, 2005 nur noch die Hälfte, und nachdem 2014 die Zahl wieder unter eine 1 Mio. fiel, wurde der Club im Juni 2015 eingestellt, die wenigen noch verbliebenen Club-Center geschlossen und Ende 2015 auch der Onlineshop aufgelöst.

Diversifizierung war immer auch eine Unternehmensphilosophie, so gab es schon in den 1960er Jahren einen Schallplattenring (ähnlich wie der Buchclub), die Schallplattenfirma Ariola und das Schallplattenwerk Sono­press entstanden. Daraus ent­wickelte sich bis heute das international tätige Musikunternehmen BMG. Es vertritt mit 19 Niederlassungen in 12 Kernmusikmärkten mehr als 3 Mio. Titel und Aufnahmen, darunter namhafte Künstler wie Mick Jagger und Keith Richards sowie Künstlerinnen wie Kylie Minogue, die No Angels, Tina Turner u.v.m.

Der Konzern war seit jeher an der RTL-Gruppe beteiligt und übernahm 2001 die Mehrheit via Aktientausch. Die "RTL Group" ist mittlerweile das führende europäische Unternehmen im Sender-, Inhalte- und Digitalgeschäft mit Beteiligungen an 67 Fernsehsendern, 10 Streaming-Diensten, 39 Radiostationen, weltweiten Produktionsgesellschaften sowie einem digitalen Videonetzwerk. Zu den Fernsehgeschäften zählen RTL Deutschland, M6 in Frankreich und die RTL-Sender in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg, Kroatien und Ungarn. Zu den Streaming-Diensten der RTL Group gehören RTL+ in Deutschland, Videoland in den Niederlanden sowie 6play und Salto in Frankreich. RTL AdConnect ist der internationale Werbevermarkter der RTL Group. Die RTL Group ist börsennotiert und Mitglied im SDAX.

Tab. 1: Kennzahlen des Bertelsmann-Konzerns im Jahr 2021 (Quelle: Bertelsmann 2022, eigene Berechnungen)

1969 kam der Einstieg ins Zeitschriftengeschäft: Bertelsmann übernahm eine Minderheit, 1973 dann die Mehrheit bei Gruner + Jahr und baute diesen Zweig sehr stark aus, auch auf internationalen Märkten. Gruner + Jahr ist ein Premium-Magazinverlag mit etablierten Marken wie "Stern", "Brigitte" und "Geo", mit Digitalangeboten in allen publizis­tischen Segmenten sowie Produkten und Lizenzen. Zu Gruner + Jahr gehören weitere Geschäftsaktivitäten, u.a. eine Beteiligung an der Spiegel-Gruppe. Zum 1. Januar 2022 wurden Gruner + Jahr mit RTL zusammengeführt. Daher wurden die in Tabelle 1 aufgeführten Zahlen letztmalig für diesen Geschäftszweig für das Jahr 2021 erhoben.

Im Gegensatz zu anderen großen Verlagshäusern setzt Bertelsmann bisher deutlich auf das "Chefredakteursprinzip", d.h. für den Inhalt der Beiträge ist die jeweilige Redaktion verantwortlich; es soll keinerlei Beeinflussung durch die Konzernleitung geben.

In der Arvato AG sind alle Dienstleistungen des Konzerns gebündelt, die für Geschäftskunden diverser Branchen in mehr als 40 Ländern maßgeschneiderte Lösungen für unterschiedliche Geschäftsprozesse entwickelt und realisiert. Aus Arvato ausgelagert ist mittlerweile die Bertelsmann Printing Group. Sie vereint unter ihrem Dach die Druck- und Marketingdienstleistungsgeschäfte von Bertelsmann.

Natürlich hat Bertelsmann sein altes Kerngeschäft, die Buchproduktion, nicht vernachlässigt. Auch hier wurde in den 1970er Jahren der Quantensprung der Internationalisierung vollzogen, als Bertelsmann 1977 den amerikanischen Verlag Bantam Books erwarb. Dieser wurde 1998 von Bertelsmann mit dem amerikanischen Traditionsverlag Random House New York zusammengeführt und 2013 mit Penguin Books fusioniert. Penguin Random House ist heute mit mehr als 300 Buchverlagen auf sechs Kontinenten die nach Umsatz größte Publikumsverlagsgruppe der Welt. Zu den bekannten Verlagsmarken zählen Doubleday (USA) sowie Goldmann und Heyne (Deutschland). Jedes Jahr veröffentlicht Penguin Random House mehr als 16.000 Neuerscheinungen und verkauft über 700 Mio. gedruckte Bücher, E-Books und Hörbücher.

Die Bertelsmann Education Group umfasst die digitalen Bildungs- und Dienstleistungsangebote von Bertelsmann und hat ihre Schwerpunkte im Gesundheitssektor sowie in Bereichen der betrieblichen Online-Fort- und -Weiterbildung sowie in der Hochschulausbildung; Hauptgeschäftsfeld sind die USA.

Abb. 1: Bertelsmann-Firmensitz in Gütersloh mit Logos der Unternehmensbereiche (Quelle: www.bertelsmann.de)

Die Bertelsmann Investment BDMI ist ein Fond, der gezielt in innovative und aufstrebende Unternehmen im Bereich digitale Medien in den USA und Europa investiert. Er wird ab Mitte 2022 vom Enkel des 2009 verstorbenen Firmenpatriarchen Reinhard Mohn, Carsten Coesfeld, geleitet. Coesfeld hatte zuvor schon Aufgaben u.a. bei Arvato.

Das Selbstverständnis des Konzerns wird durch die "Bertelsmann Grundordnung" von 1960 definiert, die heute als "Essentials" bezeichnet wird. Sie sah – damals revolutionär – dezentrale Organisation, Gewinnbeteiligung der Mitarbeitenden und Delegation von Verantwortung vor.

1977 wurde die Bertelsmann Stiftung gegründet, der die Familie 1993 die Mehrheit des Aktienkapitals übertrug. Nach dem Rückkauf befinden sich 76,9% der Aktien in Händen der Stiftung, 23,1% liegen bei der Familie Mohn. Die Stiftung (Sitz ebenfalls Gütersloh) begnügt sich nicht mit der Verwaltung der Finanzen, sondern greift mit Untersuchungen und Publikationen immer wieder Fragen zu gesellschaftlichen und politischen Themenkomplexen auf (z.B. Demographischer Wandel).

Die heutige Weltfirma führt auch insofern die Tradition von Carl Bertelsmann und Johannes Mohn fort, als dass sie sich sehr stark fördernd im Großraum Gütersloh engagiert, in dem rd. 10.500 Einwohnerinnen und Einwohner bei Bertelsmann arbeiten. Im August 2020 begannen 93 neue Auszubildende und dual Studierende eine Ausbildung bei Bertelsmann in der Region. Unter anderem unterstützte Bertelsmann im Jahr 2020 das Theater Gütersloh, die Stadtbibliothek (die 1984 durch hohe Zuflüsse von Bertelsmann eröffnet werden konnte), die Vesperkirche, die Gütersloher Tafel sowie mehrere Schulen und Kindergärten. Anlässlich des bundesweiten Vorlesetages schenkte Bertelsmann allen Gütersloher Kita-Kindern ein Hörbuch, da physische Vorlesestunden im Corona-Jahr 2020 nicht möglich waren. Kurz vor Weihnachten spendete das Unternehmen zum 14. Mal 25.000 Euro an die Bielefelder Palliativ-Initiative "Der Weg nach Hause". Insgesamt hat Bertelsmann die Initiative seit 2006 mit mehr als 350.000 Euro unterstützt. Herausragend ist auch die 1996 von Reinhard Mohn angeregte Stadtstiftung, die gemeinnützige Ini­tiativen in Gütersloh unterstützt und mittlerweile Vorbild für 90 ähnlich aufgebaute Stadtstiftungen geworden ist.

Im Jahr 2021 investierte Bertelsmann 2 Mrd. Euro in Maschinen und Technik (vor allem bei Arvato) sowie in Film- und Musikrechte. Neben weiteren Investitionen in bestehende Geschäftsfelder will Bertelsmann vor allem neue Wachstumsmärkte ent­wickeln, dazu zählt u.a. "Digital Health" (digitale Versorgung im Gesundheitswesen). Digitale Arztpraxen und digitale Behandlungsmöglichkeiten sind hier die Stichworte.

Die Firmenstruktur von Bertelsmann hat sich in den letzten 15 Jahren deutlich verändert (vgl. Lindemann  2007). Der Wegfall des Buchclubs wurde insbesondere von Aktivitäten in TV-Medien und Dienstleistungen aufgefangen. Auch das Verlagsgeschäft und der Education-Bereich wurde weiter ausgebaut.

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Weiterführende Literatur/Quellen

Erstveröffentlichung 2022